Weiße Solidarität in den USA:An ihrer Seite

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Nach dem Tod von George Floyd - New York

Vereint in der Trauer: Terence Monahan, Abteilungsleiter der Polizei von New York City, umarmt bei einem Protestmarsch einen Aktivisten.

(Foto: Craig Ruttle/dpa)

Unter denen, die seit dem Tod von George Floyd demonstrieren, sind viele Weiße. Vor allem bei demokratischen Wählern hat sich die Einstellung zu Rassismus geändert.

Von Alan Cassidy, Washington

Egal, ob in Washington oder Minneapolis, in Los Angeles oder New York: An den Protesten gegen den Tod des Afroamerikaners George Floyd, die in den USA von Küste zu Küste stattfinden, nehmen auffallend viele weiße Menschen teil. Sie marschieren, demonstrieren und legen sich Seite an Seite mit den Afroamerikanern auf den Boden. Sie stimmen in die Gesänge ein oder stimmen sie selbst an. Auch viele der Freiwilligen, die bei den Protesten Wasserflaschen, Snacks und Desinfektionsmittel verteilen, sind Weiße.

Auf den Plakaten, die sie hochhalten, steht oft der universelle Slogan der ursprünglichen Bewegung gegen Polizeigewalt, "Black lives matter", Schwarze Leben zählen, und "Justice for George", Gerechtigkeit für George. Bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis war George Floyd ums Leben gekommen, sein Tod hat die jüngsten Unruhen in den USA ausgelöst. Aber nicht selten liest man darauf auch "White privilege", weißes Privileg, oder Sätze wie diese: "Ich verstehe, dass ich es nicht verstehe. Aber ich stehe hier mit euch."

Auch die weiße Studentin, die am Dienstagabend am Washingtoner Lafayette Square gegenüber dem Weißen Haus demonstriert, trägt ein "White privilege"-Plakat. "Ich kann so vieles, was schwarze Männer und Frauen in diesem Land durchmachen, nur erahnen", sagt Rachel Lewis. "Wenn ich einkaufen gehe, werde ich beim Verlassen des Ladens nie nach dem Kassenbeleg gefragt. Wenn ich mit meinem Freund in eine Polizeikontrolle gerate, muss ich nie Angst haben, dass ihm etwas zustößt." Es sei ein anderes Leben, das Weiße in den USA führten, ein privilegiertes Leben. "Und wenn wir uns nicht solidarisch zeigen mit den Menschen, die diese Privilegien nicht haben, ändert sich nichts."

"Ich schäme mich"

Es sind nicht nur junge Weiße, die so denken. Auch David Galligan, ein 65-jähriger Managementberater, protestiert mit. Das letzte Mal demonstriert hat er als Student zu Beginn der 1970er-Jahre. "Aber jetzt reicht es. Ich verfolge mit Abscheu, was in unserem Land gerade geschieht, und ich schäme mich dafür." Galligan hat 30 Jahre in Minneapolis gelebt, der Stadt, in der sich der Polizeieinsatz gegen Floyd zutrug. "An der Oberfläche glänzt es. Aber darunter steckt eine rassistische Gemeinde, in der schwarze Menschen in jeder Hinsicht benachteiligt werden." Galligan hat als Student ein Jahr in Deutschland gelebt, er sagt: "Die Deutschen haben ihre dunkle Vergangenheit aufgearbeitet. Bei uns in den USA ist das nie geschehen. In meiner Jugend wurde unsere Geschichte nur wahnsinnig geschönt vermittelt."

Es gibt Anzeichen dafür, dass sich die Einstellung von weißen Amerikanern gegenüber Rassismus und Polizeigewalt verändert hat - aber sie ist vor allem der Entwicklung bei Anhängern der Demokraten geschuldet. Nach einer Umfrage des Pew Research Center von 2019 finden 88 Prozent der weißen Demokraten, dass Schwarze in den USA von der Polizei weniger fair behandelt werden als Weiße. 86 Prozent finden, dass Schwarze vom Justizsystem systematisch benachteiligt werden. Damit decken sich weiße Demokraten in ihrer Ansicht mit den Afroamerikanern.

Ob die Ermittlungen im Fall Floyd daran etwas ändern werden? Der haupttatverdächtige Polizist ist am Mittwoch eines schwereren Verbrechens angeklagt worden als bislang. Die Anklage wurde von "Mord dritten Grades" auf "unbeabsichtigten Mord zweiten Grades" hochgestuft. Drei weitere Polizisten klagte Generalstaatsanwalt Keith Ellison der Beihilfe zum Mord zweiten Grades an. Noch vor zehn Jahren sagten nur 50 Prozent der weißen Demokraten, dass das Land mehr dafür tun müsse, gleiche Rechte für Schwarze durchzusetzen. Inzwischen finden das 80 Prozent. Bei den republikanischen Wählern verhält sich die Lage etwas anderes, doch auch 43 Prozent gaben in der Pew-Umfrage an, dass Schwarze von der Polizei weniger fair behandelt würden als Weiße, und 39 Prozent fanden, das Justizsystem diskriminiere sie. Dass bei den Protesten so viele Weiße mitmachen, erfüllt viele Afroamerikaner mit gemischten Gefühlen. Bei den "Black lives matter"-Demonstrationen, die 2013 nach der Erschießung von Trayvon Martin stattfanden, habe er kaum Weiße gesehen, sagt Eric, ein schwarzer Lehrer, der am Lafayette Square steht. Natürlich freue ihn nun die Solidarität. "Aber ich hoffe, dass diese Leute auch noch an unserer Seite stehen, wenn sich die Nachrichten wieder um andere Dinge drehen." Ähnlich sieht das Alicia Garza, eine der Mitgründerinnen von "Black lives Matter". Sie wünsche sich, dass sich Weiße für politischen Wandel einsetzten, sagte sie der Washington Post. Das bedinge, dass sich Weiße ihrer Privilegien bewusst seien. "Sagt also nicht, dass ihr nicht atmen könnt", so Garza in Anspielung auf die letzten Worte George Floyds: "Ihr atmet ganz problemlos", ergänzt sie.

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