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Proteste in den USA:Amerikas Wut

Ein Polizist sprüht Pfefferspray in Richtung eines Demonstranten im amerikanischen Madison (Wisconsin).

(Foto: AP)

Wer glaubt, die Ausschreitungen der vergangenen Woche seien der bedauernswerte, aber leider notwendige Auftakt zu einer progressiven Revolution, dürfte enttäuscht werden. Eher führen sie zu etwas, das einem Bürgerkrieg ähnelt.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Amerika brennt. Von Houston bis Brooklyn, von Portland bis Atlanta, von Los Angeles bis zum Lafayette Park gegenüber dem Weißen Haus in Washington, in dem an sonnigen Tagen normalerweise die Mitarbeiter der umliegenden Ministerien mittags ein Sandwich essen, ist in den vergangenen Tagen eine Welle der Gewalt und Zerstörung über die USA hinweggerollt, wie das Land sie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebt hat.

Der Auslöser der Unruhen war ein gewaltsamer Tod: Am vergangenen Montag tötete der weiße Polizist Derek Chauvin bei einem Einsatz in Minneapolis den Schwarzen George Floyd - ein besonders erschütternder, aber leider keineswegs seltener Fall von rassistischer Polizeibrutalität in Amerika. Doch von diesem Anlass haben sich die Proteste längst gelöst. Sie sind in einen viel größeren Aufstand umgeschlagen, in eine Entladung von Wut und Gewalt, die sich an manchen Orten gegen die Polizei richtet, an anderen jedoch blind gegen alles, was irgendwie im Weg ist.

Man kann diese Gewalt für falsch und sinnlos halten und sie verurteilen, auch wenn man gleichzeitig die Wut, aus der sie sich speist, für verständlich und berechtigt hält. Amerikas Schwarze haben jedes Recht, wütend zu sein. Sie haben jedes Recht, auf die Straße zu gehen und diese Wut hinauszuschreien. Und sie haben jedes Recht, sich gegen die Diskriminierung und Drangsalierung durch die Polizei zu wehren. Freiheit und Gerechtigkeit, das hat Martin Luther King sehr gut gewusst, fallen nicht vom Himmel. Man muss darum kämpfen. Ob dieser Kampf darin bestehen sollte, die Läden im eigenen Wohnviertel zu plündern und in Brand zu stecken, ist allerdings eine andere Frage.

Doch die Wut der Schwarzen ist nur ein Teil der Wut, die inzwischen die ganze amerikanische Gesellschaft erfasst hat und Stück für Stück deren Zusammenhalt zerfrisst. Wut auf "das System". Wut auf "die Eliten". Wut auf "die Politik". Wut auf "die da oben". Wut auf "die Medien". Oder ganz einfach und ganz grundsätzlich: Wut auf "die anderen", wer immer "die anderen" im gegebenen Fall auch sein mögen. Jeder hat etwas oder jemanden, auf das oder den er seine Wut richten kann, seine Verachtung und seinen Hass.

Diese Wut brodelt seit Jahren in Amerika. 2008, als Millionen Amerikaner in einer Finanz- und Wirtschaftskrise versanken, an der sie keine Schuld trugen und für die keiner der verantwortlichen Banker und Politiker je zur Rechenschaft gezogen wurde, flammte sie zum ersten Mal auf. Politisch manifestierte sie sich damals vor allem in Form der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung, die die alte Republikanische Partei mittlerweile zerstört hat. Als Donald Trump 2016 zur Wahl antrat, musste er die Wut nicht erst wecken. Er musste sie nur schüren. Aus der Wut hat er sein politisches Kapital geschlagen, sie war der Treibstoff für seinen Sieg. Und weil er im November wieder gewinnen möchte, facht er die Wut bis heute an - bei seinen Unterstützern wie bei seinen Gegnern. Das ist unmoralisch und brandgefährlich für Amerika. Doch Trump könnte das, was er tut, nicht mit so großem Erfolg tun, wenn er nicht ein großes, begieriges Publikum hätte - und viele bereitwillige Helfer: Die jubelnden Moderatoren beim rechten Sender Fox News leben genauso von Trumps Gewüte wie ihre empörten Konkurrenten beim linken Sender MSNBC. Und auch Twitter, das jetzt plötzlich bei Trump-Tweets so etepetete tut, verdankt seine Bedeutung zu einem guten Teil dem Mann im Weißen Haus.

Die Corona-Pandemie hat in dieser aufgeladenen Atmosphäre wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Mehr als 100 000 Tote und über 40 Millionen Arbeitslose - das ist für eine Gesellschaft ein brutales Trauma. Die Pandemie hat nicht nur erbarmungslos alle politischen, ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeiten offengelegt, unter denen die USA leiden, sondern diese auch massiv verstärkt. Wer vor dem Virus den richtigen Job hatte, den richtigen Finanzberater, eine gute Krankenversicherung und vor allem die richtige Hautfarbe - weiß - kommt wohl zumindest in materieller Hinsicht halbwegs gut durch die Krise. Wer sich schon vor dem Virus mit zwei, drei Jobs von Gehaltscheck zu Gehaltscheck hangeln musste - und das sind zwar längst nicht nur, aber überproportional viele Schwarze und Latinos - dem droht jetzt der Absturz. Die Wut darüber ist größer als die Angst, sich im Menschengewühl einer Demo mit dem Virus anzustecken.

Doch die Wut, die sich jetzt in Amerikas Straßen entlädt, ist kein exklusives Merkmal der politischen Linken. Rechte "Patrioten" sind in den vergangenen Wochen überall im Land vor den Parlamenten aufmarschiert, um gegen die wegen der Corona-Pandemie verhängten Ausgangssperren zu protestieren, oft schwer bewaffnet. Das war weniger gewalttätig als die Krawalle der letzten Tage, aber keineswegs weniger beängstigend. Diese Leute mögen andere politische Ansichten und Ziele haben als die Antifa-Demonstranten, die in Minneapolis randalieren oder in Washington "Fuck Trump" an die Häuser sprühen. Was sie eint, ist die Wut auf ein "System", das sie für tyrannisch halten und zerschlagen wollen. Doch sie sehen ihre Landsleute im anderen politischen Lager nicht als amerikanische Mitbürger, sondern als Feinde. Wer daher glaubt, die Ausschreitungen der vergangenen Woche seien der bedauernswerte, aber leider notwendige Auftakt zu einer progressiven Revolution, dürfte enttäuscht werden. Eher führen sie zu etwas, das einem Bürgerkrieg ähnelt.

Vielleicht beruhigt sich die Lage in Minneapolis und den anderen Brennpunkten der Proteste in den nächsten Tagen wieder. Die Wut wird dadurch nicht verschwinden. Der Brand ist noch längst nicht gelöscht.

© SZ/cku

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