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Proteste in Syrien:Syrische Truppen beschießen Protest-Stadt

Neue Gewalt in Hama: In der von Sicherheitskräften abgeriegelten Protest-Hochburg sollen Soldaten elf Menschen erschossen haben - sie hatten Barrikaden errichtet.

Beim Bau von Barrikaden in der abgeriegelten syrischen Stadt Hama sind nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten elf Menschen von regierungstreuen Einheiten erschossen worden. Die Bewohner der von Panzern umstellten Stadt hätten Reifen in Brand gesetzt, Sandbarrieren aufgeschüttet und andere Hindernisse errichtet, sagte der in London ansässige Direktor der syrischen Menschenrechtsorganisation SHRO, Rami Abdul Rahman.

"Es gibt offenen zivilen Widerstand in Hama", sagte Rahman. "Es herrscht eine Entschlossenheit, nicht vor den Panzern oder anderen Militärfahrzeugen zu kapitulieren", berichtet er unter Berufung auf Augenzeugen.

Am Montag hatten syrische Truppen die Zufahrtswege zur Stadt abgeriegelt. Damit sollte offenbar ein Angriff auf die Stadt vorbereitet werden, die sich zu einem Brennpunkt des Aufstands gegen den syrischen Präsidenten Baschar Assad und sein Regime entwickelt hat. Rund 300.000 Menschen nahmen in Hama in der vergangenen Woche an Protesten teil. Erst vor einem Monat hatten sich die Regierungstruppen aus der Stadt zurückgezogen.

Ebenfalls am Dienstag hätten Zeugen am frühen Morgen mit Sicherheitskräften des Regimes besetzte Busse gesichtet, die offenbar in Richtung des bergigen Geländes im Nordosten und damit zur Grenze zur Türkei unterwegs waren, sagte Omar Idilbi von den örtlichen Koordinationskomitees. In dem Gebiet befinden sich mehrere Dörfer.

Der syrische Präsident Assad lässt die Region von seinen Truppen belagern, um zu verhindern, dass die Opposition sich dort festsetzen kann. Rund 10.000 Syrer sind seit Beginn der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste in die Türkei geflohen. Etwa 1400 Menschen wurden nach Oppositionsangaben in den vergangenen vier Monaten während des Aufstands getötet. Die Regierung bestreitet die Zahl.

Der Chef des syrischen Roten Halbmonds, Abdurrahman Attar, forderte seine Landsleute in der Türkei unterdessen auf, in ihre Heimat zurückzukehren. Bei einem Besuch der türkischen Stadt Hatay am Dienstag sagte Attar laut einer Meldung der halbamtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, "unser Wunsch ist es, unsere Bürger freiwillig nach Syrien zurückkehren zusehen." Ihm sei versprochen worden, dass ihre Leben geschützt würden. "Wir erwarten von den Syrern, dass sie so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren", erklärte er.

Die regierungsnahe Zeitung Al-Watan meldete unterdessen, das von Präsident Assad eingesetzte Komitee für den "Nationalen Dialog" mit der Opposition habe zu einem ersten Treffen am kommenden Sonntag 150 Teilnehmer eingeladen. Unter den Eingeladenen seien der Menschenrechtsanwalt Haitham al-Maleh, der bekannte Oppositionelle Hassan Abdul Azim, sowie Vertreter kurdischer Parteien. Leiten soll den Dialog der syrische Vizepräsident Faruk al-Scharaa.

Sytematische Verbrechen des Assad-Regimes

Unabhängige Beobachter erwarten allerdings, dass einige Oppositionelle eine Teilnahme an dem Treffen ablehnen werden, weil ihre Bedingungen bislang nicht erfüllt wurden. Dazu zählt unter anderem der Abzug des Militärs aus den Städten und die Freilassung aller festgenommenen Demonstranten.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) hat der syrischen Führung in einem neuen Bericht zur Niederschlagung der Opposition unterdessen systematische Verbrechen an der Zivilbevölkerung vorgeworfen. Anhand von Interviews mit Augenzeugen und Angehörigen der Opfer dokumentierte Amnesty in einem Bericht das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte exemplarisch an den Ereignissen in der westsyrischen Kleinstadt Tall Kalach.

Mitte Mai hätten die Sicherheitskräfte dort willkürlich Menschen festgenommen, diese in Militärgefängnissen misshandelt und gefoltert. Mindestens neun Menschen starben demnach in Gewahrsam. "Selbst Verwundete wurden festgenommen und gefoltert", erklärte der amtierende Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International, Wolfgang Grenz. Mehrere tausend Menschen seien "in Angst um ihr Leben" in den benachbarten Libanon geflüchtet - teilweise unter dem Feuer von Scharfschützen.

© süddeutsche.de/Reuters/afp/dpa/hü
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