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Proteste in der Ukraine:Der Maidan ist sauber, alle warten ab

Aerial view shows the anti-government protesters camp in Independence Square in central Kiev

Gespannte Ruhe auf dem Maidan am frühen Freitagmorgen

(Foto: REUTERS)

Während Präsident Janukowitsch stundenlang mit Vertretern der EU, Russlands und der Opposition verhandelt, entspannt sich die Lage auf dem Maidan. Das Blut ist weggewaschen, Frauen schmieren Brote und Männer stapeln Autoreifen. Die Polizei ist weg, doch niemand weiß, wie lange die Ruhe hält.

Es ist ein neuer Tag in Kiew, in der Ukraine - und er beginnt glücklicherweise ganz anders als der Tag zuvor, an dem nach unbestätigten Meldungen zum Schluss mehr als 70 Menschen umgekommen sind. Die Verhandlungen der drei Außenminister von Deutschland, Polen und Frankreich mit dem ukrainischen Präsidenten, die am Donnerstagmorgen begonnen hatten, am Nachmittag wiederaufgenommen und in der Nacht fortgesetzt worden waren, sollen sich, wie aus Diplomatenkreisen zu hören ist, "sehr, sehr schwierig" gestalten. Mehrfach habe es Unterbrechungen gegeben.

Am Freitagmorgen meldet das Präsidialamt, Janukowitsch habe sich mit der Opposition und den EU-Vermittlern auf eine "Lösung der Krise" geeinigt. Aus diplomatischen Kreisen ist allerdings zu erfahren,dass diese Mitteilung nicht bestätigt werden könne. Die Verhandlungen seien unterbrochen und würden um 10 Uhr mitteleuropäischer wieder aufgenommen. Sollte es eine Einigung über einen Rücktritt des Präsidenten und Neuwahlen geben, werde das gegebenfalls gegen Mittag bekanntgegeben.

Der Oppositionspoltiker Vitali Klitschko hatte sich noch während der Nacht mehr als skeptisch gezeigt, dass es eine positive Wendung geben könnte: Er hoffe zwar, heißt es, auf ein gutes Ergebnis, aber das hänge vom Präsidenten ab. Und der, das will Klitschko andeuten, hat bisher noch nie nachgegeben.

Entspannung deutet sich an

Und doch gibt es Zeichen der Entspannung, sie sind auf dem Maidan zu besichtigen, wo man derzeit wie an einem Pulsmesser den Zustand des Landes ablesen kann. Es ist ruhig auf dem Platz; in der Nacht nach den fürchterlichsten Straßenschlachten seit der Unabhängigkeit der Ukraine ist aufgeräumt worden. In Mülltüten verpackt liegen die Reste von Chaos und Terror.

Der Ort, an dem am Vortag ein Dutzend Leichen lagen, ist sauber, das Blut weggewaschen. Hunderte, Tausende Reifen sind an den Wegrändern gestapelt, Munition für weitere Kämpfe. Frauen schmieren Brote, andere balancieren Tabletts mit Kaffee und Äpfeln durch die Masse, als sei das Ganze ein Stehempfang. Ein paar schmutzige, müde, vermummte Männer in Helmen und gepolsterten Anzügen üben Gruppenflirten mit einer einzelnen Ärztin, die auf Patienten wartet.

Auf der Bühne die üblichen Töne: einpeitschende Reden, Ruhm der Ukraine, Ehre den Helden, dann ein Argument, wie es wohl überall auf der Welt angeführt würde: Wir dürfen nicht aufgeben, unsere Kinder werden uns eines Tages fragen, was wir getan haben, und wir müssen sagen können, wir hätten für die Freiheit gekämpft.

Polizisten sind offenbar zurückgewichen

Ein Redner aus Lwiw, aus dem westukrainischen Lemberg, tritt auf, die Straßen und Bahnverbindungen aus der galizischen Stadt sind wieder offen. Er berichtet der Menge, dass sich Lwiw für autonom erklärt habe und dass man selbst die Polizeigewalt in der Stadt übernommen habe. Dann singt er ein patriotisches Lied, viele stimmen ein.

Die Polizeitruppen, die sich noch zwölf Stunden zuvor mit den bewaffneten Demonstranten blutige Kämpfe geliefert hatte, scheinen sich zurückgezogen zu haben. Hinter dem Hotel Ukraina, wo Aktivisten am Vortag ein improvisiertes Lazarett eingerichtet hatten, steigt Rauch auf, aber es ist nicht zu klären, ob er von Lagerfeuern oder von Bränden rührt. Eine akute Bedrohung für den Maidan ist an diesem Freitagmorgen nicht zu erkennen.

Das mag nur für Stunden gelten. Denn niemand kennt den Fahrplan der Regierung. Immerhin: Das Parlament hatte in einer nächtlichen Sondersitzung mit einfacher Mehrheit den Beschluss angenommen, die Anti-Terror-Maßnahmen zu beenden und die Sondereinsatzkräfte dazu anzuhalten, nicht auf die Demonstranten zu schießen. Ob dieser Beschluss den Tag überleben wird, muss sich erst noch weisen.