Proteste in den USA nach Tod eines Teenagers:"Es ist Rassismus"

In den USA gehen Tausende Menschen auf die Straße, weil die Polizei den mutmaßlichen Todesschützen des 17-jährigen Trayvon Martin laufen ließ. Der Junge war auf dem Rückweg von einem Süßigkeitenladen einem Mitglied der freiwilligen Bürgerwehr zum Opfer gefallen. Auch Präsident Obama zeigte Flagge in der Rassismus-Debatte: "Wenn ich einen Sohn hätte, würde er wie Trayvon aussehen."

Reymer Klüver, Washington

Tausende hatten sich schon in den vergangenen Tagen zu Mahnwachen und Demonstrationen versammelt, von Los Angeles bis nach New York. Und Tausende waren es auch am Donnerstag allein in der Kleinstadt Sanford, einer gepflegten Gemeinde nördlich von Orlando in Florida, von der bis vor Monatsfrist kaum einer je gehört hatte in Amerika. Plakate mit handgeschriebenen Lettern hielten sie hoch. "100 Jahre Lynchmorde" war auf ihnen zu lesen. Oder die Frage: "Bin ich der nächste?" Und nun hat sich sogar US-Präsident Barack Obama zu dem Fall geäußert und ihn eine "Tragödie" genannt, die allen Amerikanern "Gewissenserforschung" abverlange.

Proteste in den USA nach Tod eines Teenagers: Der 17-jährige Trayvon Martin wurde vor wenigen Wochen in der Kleinstadt Sanford in Florida auf dem Rückweg von einem Süßigkeitenladen erschossen.

Der 17-jährige Trayvon Martin wurde vor wenigen Wochen in der Kleinstadt Sanford in Florida auf dem Rückweg von einem Süßigkeitenladen erschossen.

(Foto: AP)

Anlass dafür ist der Tod eines schwarzen Teenagers: Trayvon Martin, gerade 17 Jahre alt, wurde am 26. Februar in Sanford erschossen, auf dem Rückweg von einem Nachbarschaftsladen, in dem er sich Süßigkeiten gekauft hatte. Ein Mitglied einer freiwilligen Bürgerwehr hatte ihn erschossen. Die Polizei ließ den mutmaßlichen Todesschützen laufen, weil er sich auf Notwehr berief. Mittlerweile aber haben mehrere Zeugenaussagen erhebliche Zweifel an seiner Darstellung aufkommen lassen - und vor allem an der Ernsthaftigkeit der Ermittlungen der Polizei.

Seither brodelt es. Das FBI hat sich eingeschaltet, ebenso das US-Justizministerium. Am Donnerstag, knapp vier Wochen nach der Tat, übertrug der Gouverneur von Florida, Rick Scott, die Ermittlungen einer Staatsanwältin im 200 Kilometer entfernten Jacksonville, nachdem der örtliche Staatsanwalt sich offenbar auf öffentlichen Druck hin für befangen erklärt hatte.

Und Präsident Obama versprach am Freitag, dass "alle Aspekte" des Falles untersucht würden. "Wenn ich an diesen Jungen denke, muss ich an meine Kinder denken", sagte der erste US-Präsident schwarzer Hautfarbe, dessen Töchter 13 und zehn Jahre alt sind. "Wenn ich einen Sohn hätte, würde er wie Trayvon aussehen."

Sechs Mal mehr Schwarze im Gefängnis

Der Fall ist längst zum Symbol geworden für den nach wie vor nicht zu leugnenden Rassismus in Amerikas Polizei- und Strafverfolgungsbehörden. Gemessen am Bevölkerungsanteil sitzen sechs Mal so viele Schwarze im Gefängnis wie Weiße. Und Polizeistatistiken belegen, dass etwa schwarze Autofahrer oder US-Bürger lateinamerikanischer Abstammung öfter angehalten werden als Weiße.

Zunächst ist es die Tat selbst, die die Menschen erbost: Ein 28-Jähriger, den die örtliche Polizei in den Ermittlungsakten als Weißen führt (er könnte in den USA auch als Latino gelten, weil seine Mutter aus Peru stammt), erschießt einen unbewaffneten schwarzen Teenager. Dessen offenkundiger Fehler war es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein: Trayvon Martin war nach Einbruch der Dunkelheit in der vor allem von wohlhabenden Weißen bewohnten Siedlung unterwegs und nahm eine Abkürzung zwischen zwei Grundstücken, um zum Haus der Freundin seines Vaters zurückzukehren. Als er sich verfolgt fühlte, zog er die Kapuze seiner Trainingsjacke über den Kopf, im Amerikanischen Hoodie genannt. In US-Serien tragen schwarze Gangster geradezu stereotyp Hoodies. Dieser Umstand genügte schon, um ihn in den Augen des mutmaßlichen Todesschützen so verdächtig zu machen, dass der seine Waffe zog (die er auf Patrouille als Mitglied der Bürgerwehr nicht hätte tragen dürfen).

Doch fast noch mehr erregt die Menschen mittlerweile die Tatsache, dass der Mann weiterhin auf freien Fuß ist, dass noch nicht einmal seine Waffe sichergestellt wurde. Darin sehen viele nur ein weiteres Beispiel für den latenten Rassismus in der US-Strafverfolgung. "Wir können es nicht zulassen, dass ein Mann einfach einen der unsrigen tötet und dann mit der Mordwaffe laufen gelassen wird", rief der New Yorker Bürgerrechtler Al Sharpton bei der Kundgebung in Sanford. Er werde nicht eher Ruhe geben, bis der Schütze "in Handschellen vor Gericht steht".

"Immer wieder schwarze Jungs beerdigen"

Auch der Umstand, dass der Chef der städtischen Polizei, Bill Lee, am Donnerstag seine vorübergehende Beurlaubung verkündete, beruhigt die Gemüter nicht. "Er gehört gefeuert", sagte die schwarze Kongressabgeordnete Frederica Wilson aus Miami. Sie sei es leid, "immer wieder schwarze Jungs beerdigen zu müssen", die unter Umständen wie in Sanford erschossen worden seien und deren Fehler ihre Hautfarbe gewesen sei.

Auch die Grand Jury, ein eilig zusammengesetztes Geschworenengremium, das über eine mögliche Anklage gegen den Todesschützen entscheiden soll, sei nur mit Weißen besetzt. "Wir machen das nicht zu einem rassistischen Fall", erklärte sie im Fernsehsender CNN: "Es ist Rassismus."

© SZ vom 24.03.2012/kat/liv
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