Proteste in Ägypten Hunderttausende fordern Rücktritt Mursis

Großdemonstrationen am Jahrestag der Amtseinführung: Mit wehenden Fahnen und lautstarken Sprechchören protestieren Hunderttausende Ägypter gegen ihren Präsidenten Mohammed Mursi. Das Militär ist alarmiert. Bei ersten Zusammenstößen gab es mindestens vier Tote.

Von Sonja Zekri, Kairo

In mehreren Städten Ägyptens sind am Sonntag Millionen Menschen auf die Straße gezogen, um den Rücktritt von Präsident Mohammed Mursi zu erzwingen. In Kairo protestierten Hunderttausende auf dem symbolisch wichtigen Tahrir-Platz, sie waren in Sternmärschen aus den Stadtteilen gekommen. Auch in Alexandria, Port Said und Luxor gingen Ägypter auf die Straße.

Mindestens vier Demonstranten kamen ums Leben. Fast 200 Personen wurden am Sonntag verletzt, wie es in Sicherheitskreisen und im Gesundheitsministerium hieß. Einer wurde in Beni Suef und drei in Assiut erschossen. Beide Städte liegen im Nil-Delta südlich der Hauptstadt Kairo.

In Kairo setzten Regierungsgegner die Zentrale der Mursi unterstützenden islamistischen Muslimbruderschaft in Brand und lieferten sich Schießereien mit dem Wachpersonal. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters sah Flammen aus den oberen Stockwerken des Gebäudes lodern.

Einige tausend Anhänger des Präsidenten versammelten sich indes vor der Rabaa-al-Adaweja-Moschee in der Nähe des Kairoer Präsidentenpalastes. Bis zum späten Abend stießen die beiden Gruppen aber nicht aufeinander.

Der Sonntag war der erste Jahrestag der Amtseinführung des Präsidenten. Ein breites Bündnis gegen die Islamisten macht seit Monaten mobil, inspiriert durch den Erfolg der Unterschriftenkampagne "Tamarod - Rebellion". Deren Urheber hatten am Samstag verkündet, sie hätten 22 Millionen Unterschriften gegen Mursi gesammelt, ein Viertel aller Ägypter.

Wochenlange Warnungen

Seit Wochen überbieten Anhänger und Gegner des Präsidenten einander in Bezug auf den Jahrestag in düsteren Prophezeiungen. Ägyptens Medien hatten vom "längsten Tag" geschrieben, vom "Jüngsten Gericht". Nach der Ashar-Universität, dem höchsten Sitz sunnitischer Gelehrsamkeit, hatte auch der koptische Papst Tawadros vor Gewalt gewarnt. Das Blut jedes Ägypters sei kostbar, schrieb er auf Twitter. Die Menschen sollten an den Demonstrationen teilnehmen, aber andere respektieren.

Mohamed Mursi "Das Volk will den Sturz des Regimes"
Großdemonstrationen in Kairo

"Das Volk will den Sturz des Regimes"

Die Angst vor neuer Gewalt wächst: Mit Großdemonstrationen will eine Protestbewegung in Kairo den islamistischen Präsidenten Mursi am Jahrestag seines Amtsantritts zu Fall bringen. Am symbolträchtigen Tahrir-Platz versammelten sich bereits Mittags Tausende, um Mursis Rücktritt zu fordern.

Am Samstagabend hatte sich Mursi mit Verteidigungsminister Abdel Fatah al-Sisi getroffen. In den vergangenen Tagen waren Hunderte bei Zusammenstößen von Mursi-Anhängern und -Gegnern im ganzen Land verletzt worden, mindestens sechs Menschen starben. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Armee habe versucht, die Gegner mit Drohungen zum Kompromiss zu zwingen, sei aber gescheitert. Verteidigungsminister Sisi drohte, das Militär werde nicht zulassen, dass Ägypten in einen "dunklen Tunnel" abgleite.

Das Präsidialamt bot unter dem Eindruck der Massenproteste erneut den politischen "Dialog mit allen Parteien" an. Gleichzeitig verbat es sich eine Vermittlung durch das Militär, das brauche der Präsident nicht. Angesichts angekündigter Proteste vor seinem Palast im Stadtteil Heliopolis war Mursi bereits vor Tagen in den Hadajek-el-Kobba-Palast umgezogen.

Mursi und die Muslimbrüder lehnen einen Rücktritt ab und sehen den Protest der Opposition als Versuch, dem demokratischen Prozess zu schaden. Die Opposition habe sich geweigert, Regierungsämter unter Mursi zu übernehmen und sei nicht bereit, sich dem politischen Wettbewerb in Wahlen zu stellen. Nun versuche sie, den Machtwechsel mit undemokratischen Mitteln zu erzwingen. Die Opposition fordert Mursis Rücktritt und Neuwahlen, sie will den obersten Verfassungsrichter als Interimspräsidenten einsetzen und eine neue Verfassung.

Mit Material von Reuters aktualisiert