Proteste in Ägypten Die halbe Revolution

Das ägyptische Regime trinkt Tee mit der Opposition, die Demonstranten feiern ein friedliches Volksfest. Doch der Schein trügt: Polizisten bestimmen wieder das Straßenbild. Das System wartet darauf, die Kettenhunde loszulassen.

Ein Kommentar von Tomas Avenarius

Ägyptens Autokrat Hosni Mubarak setzt auf soft power: Sein Vizepräsident Omar Suleiman verhandelt mit den Regimegegnern, gibt Versprechen, bildet Komitees. Das Regime trinkt Tee mit der Opposition. Es schindet Zeit. Noch aber gibt es keine Anzeichen dafür, dass es demokratische Reformen plant.

Wer zweifelt, sollte auf Suleimans Unterton achten: "Ägypten ist nicht reif für die Herrschaft des Volkes." Mubaraks Mann meint, dass es Demokratie an den Pyramiden frühestens im 31. Jahrhundert geben kann.

Gleichzeitig formiert sich der Polizeiapparat neu. Die Männer in den Lederjacken beherrschen nach zehntägigem Wundenlecken wieder das Straßenbild. Noch halten sie sich zurück: Das Volk ist erregt, auf den Straßen sind zu viele Journalisten unterwegs, die Regierungschefs in den USA und Europa greifen beim geringsten Anlass zum Telefon.

Aber die Polizeifront steht. Das System wartet darauf, den Kettenhund loszulassen. Pardon wird es nicht geben. Wenn das Aufbegehren am Tahrir-Platz jetzt scheitert, wird in Ägypten viele Jahre lang Friedhofsruhe herrschen.

Eine Gesinnungsdiktatur geht mit dem Scheitern ihrer Ideologie unter, so war es in der UdSSR oder im Honecker-Staat. Mubaraks Regime ist ideologiefrei. Wie jede Autokratie ist es auf den Herrscher fixiert, beruht aber auf dem materiellen Vorteil einer Elite.

Die Interessen der Satrapen schweißen das System zusammen. Diese Elite der institutionalisierten Ungerechtigkeit ist der zuverlässigste Verteidiger jeder Pfründendiktatur: Die Männer aus Armee, Sicherheitsdiensten und Wirtschaft als Prätorianergarde des Status quo.

Mubaraks Person ist am Ende zweitrangig. Sobald der halsstarrige Herrscher den Machterhalt seiner Leute gefährdet, werden sie ihm den Hinterausgang zeigen - in die Schwarzwaldklinik oder ins saudische Dschidda.

In einem Pfründensystem lässt sich der Mann an der Spitze austauschen - solange nur garantiert ist, dass alles weiterläuft wie bisher. Suleiman weiß, dass der Abgang des Autokraten nur neue Forderungen nach sich ziehen würde. Geht der Chef, richtet sich der Aufstand gegen die Abteilungsleiter. Das System wäre in Gefahr.

Die Demonstranten mobilisieren derzeit Hunderttausende auf dem Tahrir. Ihre Revolution verwandelt sich in ein Volksfest. Aber die Mehrheit der 80 Millionen Ägypter betrachtet das Geschehen weiter mit Skepsis. Sie werden sich abwenden, wenn die Touristen wegbleiben, die Fabriken stillstehen, die Wirtschaft stagniert.

Dann wird das Mubarak-Suleiman-Regime sein Volkswut-Ass ausspielen: Plötzlich stehen ein, zwei Millionen auf dem Tahrir gegen 80 Millionen. Jeder Umbruch hat seine Elite. In Kairo findet sie sich auf dem Befreiungsplatz. Sie ist nicht die Mehrheit. Aber sie handelt im Interesse der Mehrheit, bedroht die Interessen einer mächtigen Minderheit. Beide Seiten wissen: Eine halbe Revolution ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Gewalt in Ägypten

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