Proteste in den USA Unzertrennlich im Widerstand gegen Trump

Eine Anti-Trump-Demonstration in New York: "Trump hat einen Riesen geweckt", sagen die Aktivisten

(Foto: AFP)

"Du putzt dir die Zähne, dann rufst du deinen Abgeordneten an": Die linken Gegner des US-Präsidenten kopieren erfolgeich die Strategien der rechten Tea Party. Zu Besuch bei Aktivisten, die vier Jahre kämpfen werden.

Von Matthias Kolb, Austin

Als feststeht, dass Donald Trump US-Präsident wird, denkt Ricardo Guerrero ans Auswandern. Der 48-Jährige ist in Texas aufgewachsen, und Trumps Sieg schockiert ihn. "Das ist nicht das Land, das ich kenne. Was ist passiert mit Respekt und Mitmenschlichkeit?" Weil seine Großeltern im Sterben lagen, war er vor der Wahl nach Kolumbien geflogen. Dort denkt der Marketing-Experte lange über seine Optionen nach. Als er in die USA zurückkehrt, erzählt ihm ein Freund von einer Gruppe namens "Indivisible Austin". Sie will Trump aufhalten.

"Mir war sofort klar, dass ich mitmache. Ich muss die Depression kanalisieren", berichtet Guerrero in Austin. Shea Scott und Alex Brakefield nicken. Die drei gehören zur Trump-Resistance, der erstaunlich erfolgreichen Widerstandsbewegung gegen den neuen Präsidenten, die am Tag nach der Inauguration mit den Women's Marches erstmals sichtbar wurde.

Women's March Demonstranten gegen Trump: Das fürchten sie, das hoffen sie Video
Women's March in Washington

Demonstranten gegen Trump: Das fürchten sie, das hoffen sie

Millionen Menschen gehen in den USA gegen die Politik des neuen Präsidenten auf die Straße. Was denken die Anti-Trump-Demonstranten über die politische Lage ihres Landes? Acht Schnappschüsse.   Protokolle von Johannes Kuhn und Beate Wild, Washington

An Aktivisten mangelt es nicht: Seit 2011 entstanden Bewegungen wie Occupy Wall Street oder Black Lives Matter. Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat Millionen für linke Ideen begeistert. Die Netzwerke inklusive der zur Mobilisierung nötigen Datenbanken mit E-Mail-Adressen und Handynummern wachsen. Es ist etwas in Bewegung geraten, die Proteste stärken sich gegenseitig. Beim jüngsten Marsch der Wissenschaftler liefen auch viele Anhänger der Indivisible-Gruppen mit.

Doch dass Trumps Bilanz nach knapp 100 Tagen so mager ausfällt, dass er etwa damit scheiterte, Obamas Krankenversicherung abzuschaffen, liegt vor allem am Engagement von Leuten wie Ricardo Guerrero, Shea Scott und Alex Brakefield. Scott, 40, Ex-Soldat Scott, kommt in Shorts und Baseball-Kappe zum Treffen ins Hipster-Café "Jo's" und arbeitet nun als Web-Designer, Brakefield ist Jura-Studentin. Keiner hatte sich früher politisch engagiert, doch nun setzen sie, wie Zehntausende Amerikaner, Republikaner per Telefon oder bei Bürgerversammlungen unter Druck. "Ohne Obamacare geht meine Familie zugrunde", so lautet etwa eine typische Botschaft an Abgeordnete.

Als Leitfaden dient der "Indivisible Guide", ein 26-Seiten-Ratgeber, der im Dezember im Internet auftauchte. Die Autoren sind Ex-Mitarbeiter demokratischer Abgeordneter, die 2009 mitansehen mussten, wie die Tea Party alle Vorschläge von Barack Obama blockieren konnte, weil sie indivisible waren, vereint, nicht zu spalten. Dies gelang, weil sie eben indivisible waren: Die Konservativen ließen sich nicht spalten, sondern blieben vereint durch ihre Abneigung für den neuen Präsidenten und eroberten so die Mehrheit im Kongress zurück. Ezra Levin, Mitautor des "Indivisible Guide", betont stets, dass die Köpfe hinter Tea Party verstanden hätten, wie Politiker ticken und wo sie verwundbar sind.

Im ganzen Land gibt es etwa 6000 Indivisible-Gruppen

Dank dem Ratgeber weiß Brakefield, dass sich die Abgeordneten nicht um Leitartikel der New York Times oder Online-Petitionen kümmern. Wichtiger sind Leserbriefe in der Lokalzeitung und die Stimmung im Wahlkreis. Hierfür sind die "daily actions" entscheidend, so die 25-Jährige: "Für uns ist es Routine. Du putzt deine Zähne, dann rufst du den Abgeordneten an."

Meist gibt ein Freiwilliger das Tagesthema vor, recherchiert Fakten sowie Argumente und sendet sie in eine geschlossene Facebook-Gruppe. "Ab und an treffen wir uns in der Mittagspause zum Protest vor dem Büro unseres Abgeordneten Michael McCaul, aber meistens greifen wir zum Telefon", erzählt Brakefield. Der Ablauf sei stets gleich: "Ich stelle mich vor, nenne meine Postleitzahl und sage meine Meinung, etwa zu einem Gesetzentwurf. Später schickt McCauls Büro eine Standard-Mail, denn ignorieren kann er uns nicht."

In allen 435 Wahlkreisen werden die Anrufe präzise registriert: Als über die Obamacare-Abschaffung gestritten wurde, lag der Anteil der Trump-Unterstützer oft unter fünf Prozent. 6000 Indivisible-Gruppen gibt es mittlerweile landesweit. Sie kopieren die Tea Party auch für "Townhall Meetings", bei denen die Abgeordneten Bürgerfragen beantworten. Viele weichen seit Monaten aus: Entweder wollen sie nicht Trumps Eskapaden verteidigen oder sie scheuen die Diskussion. Der Republikaner Michael McCaul verweigert sich so hartnäckig, dass Aktivisten eine Bürgeranhörung ohne ihn abhielten. "500 Leute haben sehr respektvoll ihre Anliegen vorgebracht. Wir haben alles gefilmt und an sein Büro geschickt", erzählt Alex Brakefield. Online findet man das Video natürlich auch.

Woche für Woche gehen so zehn Stunden für Proteste drauf. Warum? "Ich würde mich schämen, wenn ich zurückblicke und sagen müsste: Ich habe nichts getan." Der Air-Force-Veteran Scott ergänzt: "Was sich in den USA abspielt, liegt so weit außerhalb der Norm, dass ich nicht zu Hause bleiben kann." Im liberalen Austin lehne die Mehrheit Trumps autoritäre Agenda ab, sagt Guerrero: "Auf dem Land sehe ich in Texas aber Schilder von Privatleuten mit Aufschriften wie ,Homosexualität ist abscheulich' und ,Abtreibung ist Mord'. Trump-Kritiker könnten denken, dass es hier nur Republikaner gibt und man am besten den Mund hält. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind."

Sie engagieren sich in der Trump-Resistance: Alex Brakefield, Shea Scott und Ricardo Guerrero aus Austin.

(Foto: Matthias Kolb)

Die "Unzertrennlichen" wollen all jenen Platz geben, die Trump kritisch sehen, ohne sofort Demokraten werden zu müssen. Brakefields Verwandte in Oklahoma haben Trump gewählt, und auch Guerrero sagt: "Wir dürfen nicht zu reuigen Trump-Wählern sagen: Du bist ein Idiot, weil du für ihn gestimmt hast. Sondern: Kämpfe gegen seine Lügen und die Angriffe auf den Rechtsstaat. Denn wenn wir seine Wähler als Rassisten abtun, treibt sie das in seine Arme."