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Proteste gegen Stuttgart 21:"Der Staat darf mit seinen Bürgern nicht so umgehen"

sueddeutsche.de: Hat Herr Rech schon geantwortet?

Dieter Reicherter

Dieter Reicherter war elf Jahre Vorsitzender einer Strafkammer am Landgericht Stuttgart.

Reicherter: Nein. Als Jurist ist mir bewusst, dass es dauert, bis eine Sache ordentlich geklärt ist. Deshalb will ich erst einmal abwarten. Aber seit der Brief im Internet gelandet ist, werde ich mit Mails und Anrufen aus der ganzen Welt überschüttet.

sueddeutsche.de: Was wollen die Anrufer?

Reicherter: In der Regel bedanken sich die Leute bei mir. Sie sind froh, dass einer die Sache in die Hand nimmt. Viele möchten sich aussprechen. Ein 65-jähriger Herr zum Beispiel, der wohl aus nächster Nähe Pfefferspray ins Gesicht bekommen hat. Er sagte, er bekomme immer noch Weinkrämpfe, wenn er die Bilder sehe.

sueddeutsche.de: Was wollen Sie mit der Beschwerde erreichen?

Reicherter: Mir geht es vor allem um die Verteidigung der Grundrechte. Ich habe beschlossen, mich aus dem Konflikt um Stuttgart 21 rauszuhalten und mich genau darauf zu konzentrieren. Der Staat darf mit seinen Bürgern nicht so umgehen. Ich denke, dieses Anliegen ist langfristig viel wichtiger. Die Leute dürfen nicht am Staat und an der Politik verzweifeln. Wenn sie das tun, haben wir in den nächsten Jahren ein Riesenproblem. Deshalb muss man etwas unternehmen.

sueddeutsche.de: Ist Ihr Vertrauen in den Staat, Ihren ehemaligen Dienstherrn, dauerhaft beschädigt?

Reicherter: Ich glaube an den Rechtsstaat und vertraue darauf, dass sich die Justiz bemüht, die Sache aufzuklären. Ich hoffe, dass das ein einmaliger Vorgang war und sich das nicht wiederholt.