bedeckt München 11°

Proteste gegen Flüchtlinge:"Der Osten wird nicht über Nacht weltoffen"

Echauffierte Bürger und Pegida-Mitglieder protestieren mit einer deutsch-russischen Fantasieflagge gegen die Ankunft neuer Flüchtlinge in Freital.

(Foto: AP)

Johannes Staemmler ist 33 und hat 2006 Sachsen verlassen, um in Berlin zu studieren. Heute arbeitet er beim Stifterverband der deutschen Wissenschaft. Der Politikwissenschaftler macht seine Herkunft immer wieder zum Gegenstand seiner Forschung. 2013 untersuchte er den Fachkräftemangel in den neuen Bundesländern.

Interview von Antonie Rietzschel

SZ.de: Sie waren Mitbegründer des Netzwerks "3. Generation Ostdeutschland", einem Zusammenschluss von Wende-Kindern. Laut Facebook-Seite wollten sie neuen Schwung in den Osten und die Debatte über den Osten bringen. Welchen Osten wollten Sie zeigen?

Johannes Staemmler: Wir haben uns darüber geärgert, dass der Osten in der Öffentlichkeit immer so schlecht weggekommen ist. Deswegen haben wir uns auf Podien gesetzt und Artikel darüber geschrieben, welche bunten Seiten es auch gibt, wie weltoffen und reflektiert Ossis sein können. Die Medien haben das auch gerne aufgenommen, weil endlich mal junge und andere Stimmen zu hören waren. Doch wir waren zu optimistisch.

Warum?

Wir waren zu euphorisch und haben übersehen, dass der Osten nicht über Nacht weltoffen wird, dass die ganzen Transformationsschäden immer noch existieren. Wir mussten einsehen, dass wir nicht für den Osten sprachen, sondern jeder nur für sich selbst.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder aus Freital und aus Heidenau sehen?

Es ist wie bei Monopoly: Gehe zurück auf Start, ziehe nicht 20 000 Euro ein. Wir sind heute im Osten weiter, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht und die Erneuerung der Straßen und Gebäude. Aber was die Debatte und die Sozialstruktur angeht, fangen wir wieder von vorne an.

Sie haben den Osten verlassen. Genauso wie Hunderttausende andere junge Menschen, die woanders bessere Lebens- und Arbeitschancen sahen. Welche Rolle spielt die Abwanderung bei dem, was wir gerade erleben?

Viele junge Ostdeutsche sind jetzt nicht da, um auf die Straße zu gehen, um im Fußballverein zu spielen und dafür zu sorgen, dass es mehr Angebote gibt. Das gesellschaftliche Potential, etwas gegen rechte Strömungen zu tun, ist im Osten dadurch schmal geblieben. Am meisten engagieren sich in der Regel Menschen, die Kinder haben. Und wenn wir jetzt unsere Kinder auch noch woanders kriegen, dann fehlen wir im doppelten Sinne.

Wer ist zurück geblieben? Sind das wirklich die typischen Wendeverlierer, von denen man jetzt wieder liest?

Nach der Wende hat es in fast allen ostdeutschen Familien erst mal richtig geknallt. Die wenigsten konnten einfach so weiter machen. Sie mussten sich neu sortieren. Diejenigen, die zu DDR-Zeiten völlig abgeschrieben waren, waren plötzlich wieder gefragt. Wer den Osten verließ, tat das aus purer Notwendigkeit. Die, die geblieben sind, haben die große Leistung vollbracht, das irgendwie durchzustehen. Diese Menschen haben oft eine Phase der Orientierungslosigkeit und Unsicherheit durchgemacht. Viel Frust ist dabei entstanden. Die Menschen im Osten sind keine Verlierer. Aber ihnen fehlt eine gewisse geistige und physische Mobilität.

Ist das der Nährboden für fremdenfeindliches Gedankengut?

Der Nährboden für Kleingeistigkeit ist an Orten da, wo es keine Auseinandersetzung mit Vielfalt gibt. An Orten wie Heidenau oder Freital. Da sind leider keine Menschen anderer Herkunft. Was sollen die auch da? Das sind Orte, wo Rassismus schnell um sich greift. Vor allem wenn keiner da ist, der widerspricht.

In Heidenau stellen sich diese Kleingeister in eine Reihe mit Rechtsextremen und brüllen deren Parolen mit. Wer widerspricht, wird gleich niedergebrüllt. Wenn sie nicht aus dem Ort kommen, heißt es: "Ah, ein Wessi".

Die grundlegende Fähigkeit, sich im Gespräch auseinanderzusetzen, einen Konflikt zu besprechen oder Positionen zu beziehen, scheint vielen zu fehlen. Sonst würde jedem, der da steht, dämmern, dass das problematisch ist, was er sagt. Außerdem herrscht im Osten eine Wagenburgmentalität. Man ist gut geübt, in "Wir" und "Die" zu unterscheiden. Innerhalb dieses "Wir Ossis - die anderen" ist keine Debatte möglich. Da heißt es: Die Wessis haben hier alles plattgemacht, und jetzt wollen sie uns erklären, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen sollen. Das lassen wir nicht zu. Innerhalb des "Wir Ossis" fehlt dagegen jeder Diskurs. Das fehlt zwischen den Kindern und Eltern, das fehlt zwischen den Eltern und sogar zwischen den Kindern - denn die einen sind weggegangen, die anderen geblieben.

Wieso fehlt diese Streitkultur im Osten?

Das ist eine unmittelbare Wendefolge. Die, die gegangen sind, sind halt gegangen. Eine wirkliche Auseinandersetzung hat nie stattgefunden. Dabei hätten wir bestimmte Fragen an unsere Eltern richten sollen: Wie hattet ihr euch in der DDR eingerichtet? Wie waren die neunziger Jahre für euch? Wie war das, seinen Job zu verlieren? Doch viele junge Ossis wollten ihren strauchelnden Eltern nicht noch eins mitgeben. Deswegen ist es jetzt schwer, miteinander zu diskutieren. Wer fragt, stellt das Wir in Frage und verletzt den Burgfrieden.

Es gibt junge Ostdeutsche, die zurückkommen. Was ist mit Ihnen?

Ich würde in Dresden in meinen alten Freundeskreis und zur Familie zurückkehren. Aber ich möchte nicht zurück. Ich wohne hier in Neukölln, wo es Menschen gibt, die alle möglichen Sprachen sprechen. Wir kriegen jetzt auch ein Kind, das wird mit einer Vielfalt groß, die es in Dresden nicht gibt.

Die Menschen, die in Heidenau demonstrieren, fürchten genau diese Vielfalt.

Allen muss doch klar werden, dass die sächsische Homogenität kein Zukunftskonzept ist. Sachsen kann sich mit seiner eigenen Bevölkerung nicht reproduzieren. Die Sachsen werden älter und weniger. Es müssen Leute von woanders kommen. Wenn Heidenau so bleibt, dann fahren alle in 40 Jahren mit ihrem Rollator herum. Und danach ist es aus.

© SZ.de/mane/rus

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite