Proteste gegen Atomendlager Gorleben Bleibt friedlich!

Das Wendland steht vor einem Protest-Wochenende wie seit den achtziger Jahren nicht mehr. Die Atompolitik der Koalition hat die Proteste in Gorleben angeheizt wie selten zuvor - ein Drama, wenn sie eskalieren.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Sonderzüge, Hunderte Busse, Zigtausende Demonstranten: Das Wendland steht vor einem Protest-Wochenende wie seit den achtziger Jahren nicht mehr. Wer, auch innerhalb der Bundesregierung, gehofft hatte, die Anti-Atom-Bewegung könnte in den vergangenen zehn Jahren eingeschlummert sein, eingelullt durch verkürzte Laufzeiten und eine Pause im Salzstock Gorleben - weit gefehlt. Der Protest ist lebendig wie lange nicht, und er geht quer durch alle Schichten. Es sind nicht mehr notorische Nörgler in Wollsocken, die sich in Gorleben auf die Straßen setzen.

Maskierte Atomkraftgegner: Die Stimmung in Gorleben ist in diesem Jahr aufgeheizt wie selten zuvor.

(Foto: REUTERS)

Darin liegt die Kraft dieses Widerstandes. Der Protest ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Atomdemos versammeln nicht mehr nur den Kampf gegen eine Risikotechnologie, sondern zugleich auch den für ein umweltfreundliches System der Stromerzeugung. Sie sind also patriotisch und letztlich äußerst bürgerlich. Das macht den Protest gefährlich selbst für die Union: Atomkritiker finden sich auch in ihren Reihen, und es sind nicht einmal so wenige. Andere wenden sich den Grünen zu und verhelfen denen zu demoskopischen Rekorden.

Genau deshalb aber wird das kommende Wochenende entscheidend für die Zukunft der Anti-Atom-Bewegung. In der jüngeren Vergangenheit hatte sie es meist geschafft, eine Eskalation zu verhindern. Das Eintreten für eine saubere Energieerzeugung passte nicht zusammen mit Gewalt. Auch haben die bodenständigen Bewohner des Wendlands mit Chaoten so wenig gemein wie ein Castor mit Ökoenergie.

Nur ist die Stimmung in diesem Jahr aufgeheizt selten zuvor: durch die Verlängerung der Laufzeiten, durch vermeintlich geheime Absprachen mit Energiekonzernen, durch die rücksichtslose Fortsetzung der unterirdischen Erkundung in Gorleben. 30.000 Demonstranten könnten kommen, sie treffen auf 16.000 Polizisten. Einzelne Gruppen haben bereits angekündigt, sie wollten Gleisbetten entlang der Strecke "schottern", die Polizei bringt Wasserwerfer in Stellung. Das verspricht für Samstag keine schönen Bilder aus dem Wendland.

Der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Kernkraft kann das nur schaden. Keine Debatte wird deshalb anders geführt, weil einige Militante oder einige Polizisten oder alle zusammen es im Wendland ordentlich krachen lassen. Wohl aber lässt sich ein vollkommen legitimer Protest dadurch in eine Ecke verbannen, in die er nicht gehört. Die Mehrzahl der Demonstranten ist schlicht nicht einverstanden mit der Energiepolitik dieser Koalition, sie ist dagegen, dass im Wendland Fakten geschaffen werden.

Bleibt der Protest friedlich, bleibt auch Raum für die sachliche Auseinandersetzung. Anlass dazu gäbe es reichlich, auch und gerade in Gorleben. Dort ist der Bund gerade dabei, Milliardenrisiken für ein Projekt einzugehen, das angesichts seiner Vorgeschichte kaum Chancen auf Realisierung hat. Wenn das kein Grund für zivilen Protest ist.

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