Proteste "besorgter Anwohner":Fremdenfeindlichkeit im Gewand des Ressourcenkampfes

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Und tatsächlich ist wohl kaum jemand begeistert, wenn auf der Wiese direkt vor dem Haus, auf der die Kinder Fußball spielen, gebaut werden soll. Denn es verschlechtert sich dadurch ja die persönliche Lebensqualität, vielleicht wird der Ausblick verstellt, oder es können auf einmal andere Menschen ins eigene Wohnzimmer gucken. "Fremdenfeindlichkeit (...) ist nicht gleichzusetzen mit Rassismus, sondern kommt oft im Gewand des Ressourcenkampfes daher", schreibt etwa die Journalistin Elisabeth Niejahr in der Zeit.

In der Tat ist das NIMBY-Phänomen ja keines, das nur im Zusammenhang mit Flüchtlingsheimen auftaucht. Vielmehr kennt es wohl jeder Architekt, der in deutschen Städten Bauprojekte vorstellen muss, die auch nur irgendwie in das Wohlgefühl der Anwohner eingreifen: sei es, weil eine Straße gebaut, ein Baum gefällt oder eben die Aussicht versperrt wird.

2. Menschen rationalisieren ihre Ängste

Dennoch glaubt die Verhaltensökonomin Nora Szech, dass sich in der Debatte um Flüchtlingsheime rein verteilungstechnische Argumente nicht von Ressentiments trennen lassen. Ebensowenig die vermeintlich rationalen Argumente à la "Hier gibt es doch keinen billigen Supermarkt". Szech erforscht moralisches Verhalten auf Märkten und den Einfluss, den Institutionen darauf nehmen können. "Es ist durchaus möglich, dass manche Menschen vermeintlich rationale Gründe vorschieben, weil die politisch akzeptierter sind", sagt sie.

Dahinter steckt trotzdem oft die Angst, dass sich die eigene Umgebung zum Schlechteren verändert - und die wird zusätzlich geschürt durch Ressentiments, die Angst vor dem Fremden oder schlicht Unsicherheit gegenüber kulturellen Unterschieden, mit denen man ja tatsächlich erst einmal lernen muss umzugehen.

Menschen tendieren dazu, ihre Emotionen rational zu begründen, sagt auch der amerikanische Psychologieprofessor Jonathan Haidt im Interview mit dem Spiegel: "Der bewusste, räsonierende Teil dient vor allem dazu, die Entscheidungen und Neigungen des unbewussten, intuitiven Teils im Nachhinein zu begründen und zu rechtfertigen." Deutlich zeigt sich das daran, dass die rationalen Argumente häufig nur dann mit Freude aufgenommen und weitergegeben werden, wenn sie das eigene Gefühl stützen. Denn die Tatsache, dass statistisch für gewöhnlich kein Anstieg der Kriminalität in der Nähe eines neu gebauten Flüchtlingsheims erfolgt, kann noch so oft wiederholt werden: Die "besorgten Anwohner" nehmen sie nicht wahr.

Zum politischen Sprachrohr der "besorgten Anwohner" ist vielerorts die Alternative für Deutschland (AfD) geworden, die die "rationalen Argumente" für die Bürger vorbringt - so auch geschehen in Harvestehude. Das Heim sei zu teuer, für die Flüchtlinge sei eine Umgebung, in der sie sich nichts leisten können, ja auch nicht schön.

Das passt auch ganz generell zur Positionierung der AfD in der Flüchtlingsdebatte. Denn im vermeintlichen Rationalisieren emotional besetzter Themen ist die Partei unübertroffen. Sie fordert "klare Regeln" für Zuwanderung - und suggeriert, dass dank dieser Regeln das Problem, als das einige Deutsche Einwanderer sehen, gelöst werden könne. Die AfD teilt Zuwanderer grob gesagt in drei Gruppen ein: Die "guten" Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten wie Syrien oder Irak, denen man natürlich helfen müsse. Die ebenfalls "guten" Wirtschaftszuwanderer mit qualifiziertem Bildungsabschluss oder sonstigem Nutzen für die Volkswirtschaft. Und der nicht erwünschte Rest: Flüchtlinge, die aus rein wirtschaftlichen Erwägungen nach Deutschland kommen, aber nicht nützlich sind. Flüchtlinge, die sich "rechtsstaatlichen Verfahren entziehen", integrationsunwillige Muslime, kriminelle Ausländer.

In Wahrheit ist das natürlich gar nicht so leicht mit der Einteilung. Was ist denn zum Beispiel ein ausreichender Grund für eine Flucht? Muss dafür im Heimatland Krieg herrschen? Oder reicht es, wenn der Flüchtling im Gefängnis gesessen hat? Oder sogar, wenn er homosexuell ist in einem Land, in dem ihm wegen seiner Sexualität Verfolgung droht? Was ist mit Menschen, die aus wirtschaftlichen und politischen Motiven fliehen? Denn schließlich herrschen in armen Ländern oft auch politisch bedenkliche Verhältnisse. Korruption und Vetternwirtschaft gehen oft einher mit mangelhaften demokratischen Institutionen.

Ganz abgesehen davon, dass die Einteilung in drei Gruppen mit dem Widerstand gegen Flüchtlingsheime im Ort ja ohnehin nur am Rande zu tun hat. Schließlich wollen die meisten "besorgten Anwohner" auch kein Flüchtlingsheim voller "guter" Kriegsflüchtlinge vor der Nase haben. Sondern einfach gar keins.

Die AfD führt auch deswegen eine Scheindebatte, weil eine Einteilung der Zuwanderer in Gruppen die Gesellschaft in den eigentlich drängenden moralischen Fragen nicht weiterbringt. Wie gehen wir Europäer damit um, dass vor unseren Küsten Menschen im Mittelmeer ertrinken? Und wie fremd darf der deutschen Mehrheitsgesellschaft ein Fremder eigentlich bleiben?

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