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Protest:Jugend bewegt

Freitag, Liebe, Hurra und Weltuntergang: Fridays for Future mag naiv wirken. Aber diese Generation weiß, was sie tut.

Von Jana Anzlinger

In Daressalam führt eine Marschkapelle einen Demonstrationszug an. In der Innenstadt von Belfast legen sich ein paar Hundert Protestierende auf den Boden. Durch die Straßen von New York schieben sich Menschenmassen. In Jakarta demonstrieren junge Leute mit Atemschutzmasken. In Berlin halten Menschen Plakate vor dem Kanzleramt hoch, in dem die Groko-Spitzen gerade über ein Klimapaket verhandeln. Es ist ein Freitag im September, und rund um den Globus demonstrieren im Laufe des Tages Millionen für den Klimaschutz. Angestoßen hat das eine Jugendbewegung, wie es sie noch nie gegeben hat.

Und das alles, weil sich im Spätsommer 2018 ein Mädchen mit Zöpfen, einem ausgebleichten lila Schulrucksack und einem selbstgebastelten Transparent zum Klimastreik vor das schwedische Parlament gesetzt hat. Greta Thunberg hat die Bewegung angestoßen. Schüler gehen auf die Straße, jeden Freitag. Und sie bestreiken den Unterricht, in Deutschland seit Dezember 2018. Das sichert ihnen die Aufmerksamkeit der Erwachsenen. "Fridays for Future", kurz FFF, wächst zu einer weltweiten, organisierten und vernetzten Bewegung heran.

Nie war es einfacher, vom Kinderzimmer aus an Informationen zu kommen: über die Folgen von zu viel CO₂ in der Atmosphäre, über die Klimapolitik der Industriestaaten - und darüber, wie Demonstrieren geht. Nicht nur das Internet bietet Zugang zur Initiative. Die meisten Streiks werden von Schülersprechern organisiert, oft in der Nähe der Schule. Neben Massendemos machen wöchentliche kleine Kundgebungen die Bewegung aus.

An einem Freitag im Frühjahr läuft ein Demonstrationszug durch München. Von einem Lautsprecherwagen dröhnt der Song "It's Friday, I'm in Love". Hinter dem Wagen tanzt eine Gruppe Unter- und Mittelstufenschüler.

Freunde demonstrieren mit Freunden, ein soziales Event. Diesen Eindruck belegt eine Umfrage unter jugendlichen und erwachsenen FFF-Demonstranten in neun EU-Ländern. Unter deutschen Befragten ist mehr als die Hälfte jünger als zwanzig Jahre. Drei von vier gehen zur Schule, die meisten aufs Gymnasium, oder sie studieren. In der Mehrzahl ordnen sie sich der oberen Mittelschicht zu. Das Bündnis ist bunt, aber exklusiv.

Geht der Klimaprotest über den Spaß am Schulschwänzen hinaus? Können Minderjährige dezidierte Forderungen an die Politik formulieren? Tatsächlich zeigen selbst die jüngeren Protestierer, gestützt auf die Wissenschaft, immer wieder Sachkenntnis oder zumindest ein Grundverständnis dessen, was bei der Klimakrise Forschern zufolge auf dem Spiel steht.

Die jungen Leute bringen Eltern mit, geben sich Regeln, streben nach völliger Inklusion

2019 ist ein Jahr des Protests. Im April kleben sich Klima-Aktivisten von Extinction Rebellion an der Londoner Börse fest. Am französischen Nationalfeiertag schießt die Polizei Tränengas auf Menschen in gelben Warnwesten auf den Champs-Élysées. Ende August demonstrieren in Dresden Zehntausende gegen Rassismus. Fridays for Future fügt sich in diese Reihe ein und ist doch anders. Die Generation Z, Jahrgang 1997 und jünger, hat eine neue Vorstellung von Widerspruch.

Beim Klimastreik im September stehen auf der Bühne am Münchner Königsplatz ein Wissenschaftler im lila Hemd und eine Dolmetscherin, die dessen Ausführungen über erneuerbare Energien und einen CO₂- neutralen Alltag in Gebärdensprache übersetzt. Im Publikum hebt ein hagerer Mann zwei Mädchen im Grundschulalter abwechselnd auf seine Schultern. Wer sich unwohl fühlt, kann sich an geschulte Ansprechpartner wenden. Die jungen Leute bringen Freunde und Eltern mit, geben sich selbst Regeln, streben nach völliger Inklusion. Das mag naiv wirken. Andererseits scheint diese Generation zu wissen, was sie tut.

Während sich der Demonstrationszug formt, kommt Musik aus den Lautsprechern: "Hurra, die Welt geht unter". Freitag, Liebe, Hurra, Weltuntergang: Das ist die Stimmung bei Fridays for Future.

Jana Anzlinger ist Redakteurin im Ressort Politik von SZ.de.

© SZ vom 01.12.2019
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