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Protest in Tunesien: Militär im Einsatz:Kampf um die eigene Würde

Tunesien in Aufruhr: In der Hauptstadt patrouilliert die Armee, während die Menschen gegen die Perspektivlosigkeit protestieren. Alleinherrscher Ben Ali versucht zu deeskalieren: Er feuert den Innenminister und lässt Inhaftierte frei.

Die Vororte brennen. In der Luft liegt der beißende Qualm brennender Autoreifen, mit denen die Demonstranten die Straßen blockieren. Ein Bus steht in Flammen, Steine fliegen durch Schaufenster. Aufgebrachte Jugendliche haben eine Bank und ein Regierungsgebäude verwüstet. Die Polizei versprüht Tränengas, geht rücksichtslos gegen die Demonstranten vor.

Karte Tunesien Unruhen Infografik

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(Foto: Graphik: sueddeutsche.de, S. Kaiser)

So schildern Augenzeugen die Szenen am Dienstagabend, als die Proteste in Tunesien die Hauptstadt erreichen. Bei den sozialen Unruhen in dem nordafrikanischen Polizeistaat sind seit dem Wochenende nach offiziellen Angaben bisher 21 Menschen ums Leben gekommen, die Menschenrechtsliga hat allerdings bereits 35 Tote identifiziert, Gewerkschaftler sprechen von 50 Opfern. Gestorben sind sie in Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, die mit aller Härte gegen die Demonstranten vorgehen. Inzwischen bemüht sich das Regime um Beschwichtigung. Präsident Zine el-Abidine Ben Ali hat seinen Innenminister entlassen und einen Untersuchungsausschuss angekündigt. Wie kam es zu dieser Krise, der schlimmsten seit mehr als 20 Jahren? Und warum hält sich der Westen so zurück? Fragen und Antworten.

Wieso wird in Tunesien protestiert?

Es ist vor allem der Frust der Jungen, der sich in den Protesten Bahn bricht. Von den 10,5 Millionen Tunesiern sind zwei Drittel jünger als dreißig Jahre. Viele von ihnen sind gut qualifiziert, finden aber dennoch keine Arbeit. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen wird auf 30 Prozent geschätzt. Der Mangel an Arbeitsplätzen ist jedoch längst nicht mehr der einzige Grund dafür, dass Hunderte Studenten, Schüler und Akademiker auf die Straße gehen - in Kasserine, Thala, Meknassy und nun auch in der Hauptstadt Tunis. "Schluss mit der Unterdrückung!", skandieren sie und "Nieder mit Ben Ali!". Sie protestieren gegen ein autoritäres Regime, das Tunesien nach außen als Wirtschaftswunderland und Vorzeigestaat präsentiert, nach innen die Opposition unterdrückt und die Pressefreiheit mit Füßen tritt. Den Demonstranten gehe es auch darum, die "eigene Würde zurückzuerobern", sagt die Oppositionelle Sihem Bensedrine.