Protest in China Wenn der chinesische Traum unerfüllt bleibt

Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der vom damaligen Machthaber Deng Xiaoping eingeleiteten Öffnungspoltik in China.

(Foto: Bloomberg)
  • In China haben Internetnutzer ein neues Schriftzeichen kreiert.
  • Es ist einen Rebellion gegen die sozialen Verhältnisse. Zwar sind viele Menschen im Land nicht mehr bettelarm, aber sie leiden an Ausgrenzung.
Von Lea Deuber

Braucht es im Chinesischen ein neues Wort, wird dieses aus den schätzungsweise 50 000 existierenden Schriftzeichen zusammengesetzt. Das Wort "Computer", das es für die längste Zeit der chinesischen Geschichtsschreibung nicht gab, wird mit den zwei Schriftzeichen für Elektrizität und Gehirn gebildet. Die Rinderseuche BSE heißt übersetzt Verrückt-Kuh-Krankheit. Unter Mao Zedong wurden die Zeichen vereinfacht, aber nie ergänzt. Die Neuschöpfung ist eine Rebellion gegen das Unveränderliche.

Chinesische Internetnutzer haben eine solche nun gewagt. Seit Wochen teilen sie ein neues Schriftzeichen in den sozialen Netzwerken: qiou. Es handelt sich dabei um eine Wortverschmelzung aus drei Zeichen: qióng (arm), chŏu (hässlich) und tŭ (Dreck). Da das neue Schriftzeichen bisher nicht existierte, ist es in keinem Wörterbuch zu finden und kann nicht mithilfe einer chinesischen Tastatur in den Computer eingetippt werden. Im Internet verbreiten sich nur gezeichnete Bilder des Wortes. Die lateinische Umlautschrift für qiou ist nur ein Behelfskonstrukt und entspricht keiner chinesischen Silbe. Übersetzt heißt das Kunstwort so etwas wie: Nicht nur hässlich sein, sondern auch so arm, dass man Dreck fressen muss. Einige bezeichnen das Wort ironisch als ein Synonym für "wŏ" - ich.

"Hässlich und so arm, dass man Dreck fressen muss": Mit einem neu geschaffenen Schriftzeichen bringen viele Chinesen ihren Protest zum Ausdruck.

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Die Internetnutzer, die sich selbst als qiou bezeichnen, tun das nicht mit Scham. Es ist eher eine Mischung aus Trotz und Zynismus der eigenen Situation gegenüber. Viele Menschen in China sind zwar nicht mehr bitterarm. Aber um als erfolgreich zu gelten, müssen sie einen guten Job haben, sich eine Wohnung leisten können und ein Auto besitzen. Eltern müssen nicht nur für die meist kostspielige Ausbildung ihrer Kinder zahlen, sondern auch die Großeltern mitversorgen. Durch die steigenden Lebenshaltungskosten können sich schon heute nur wenige das Leben in den teuren ostchinesischen Metropolen wie Shanghai und Peking leisten. Viele junge Menschen leiden unter den Erwartungen, die an sie gestellt werden. Nicht wenige sind finanziell auf ihre Eltern und Großeltern angewiesen, da sie nur geringe Gehälter verdienen.

Viele Chinesen haben kaum vom Boom profitiert

Schönheit und Geld spielen gleichzeitig eine große Rolle in der chinesischen Gesellschaft. Als attraktiv gelten Männer, die hochgewachsen, reich und gut aussehend sind. Frauen sollen eine helle Hautfarbe haben, wohlhabend und schön sein. Der Gegensatz, schreiben chinesische Internetnutzer sei - nun ja, qiou. Die Staatspresse jubilierte zwar jüngst zum 40. Jahrestag der Öffnungspolitik, dass sich das Land vom "Tellerwäscher zum Millionär" gewandelt habe. Die Ungleichheit ist in China aber gewachsen. Viele Menschen haben kaum vom Boom profitiert. Mit abflauendem Wachstum wird es für schlechter qualifizierte Arbeitskräfte zudem schwerer, einen Job zu finden.

Dass es das Wort qiou in gängige Wörterbücher schafft, ist unwahrscheinlich. Präsident Xi Jinping verspricht, dass sich für jeden Menschen der "chinesische Traum" erfüllen könne: nämlich durch harte Arbeit und Fleiß am Wohlstand im Land teilzuhaben. Qiou hingegen zeigt, dass viele Menschen längst den Glauben daran verloren haben.

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