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Berlin:Steine, Flaschen, Fahrradkorso

1. Mai - Demonstrationen - Berlin

Viele Menschen protestierten friedlich für unterschiedliche Anliegen Später richtete eine kleine Gruppe viel Unheil an.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Lange laufen die Demonstrationen zum 1. Mai in Berlin friedlich. Doch am Abend eskaliert die Lage so heftig wie seit Jahren nicht mehr: Mindestens 93 Beamte werden verletzt, mehr als 100 Menschen festgenommen.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Am späteren Mittag hatte sich Polizeipräsidentin Barbara Slowik selbst ein Bild vom 1. Mai in Berlin gemacht. Umringt von einer kleinen Entourage aus Beamten lief sie nun recht zügig in Richtung der Sicherheitszone, einem geschützten Bereich zwischen Demonstration und Gegendemonstration, also zwischen so genannten Querdenkern und linken Anti-Querdenkern.

Die Corona-Leugner hatten zum Protest in den Bezirk Lichtenberg geladen, vielleicht 300 waren gekommen. Sie schwenkten Fahnen mit dem Konterfei von Che Guevara und sangen "Wir lassen uns nicht den Verstand verdrehen". Die Gegendemonstranten riefen "Nazis raus"; bis auf ein bisschen Gebrüll und einige wenige Rangeleien blieb es ansonsten ruhig. "Genau so wünschen wir uns den weiteren Verlauf", sagte Slowik. Es sollte eine Hoffnung bleiben.

Am späten Abend eskalierte die Lage an einem ganz anderen Ende der Stadt, in Neukölln. Gegen 21 Uhr lieferten sich hier Mitglieder des "Schwarzen Blocks", einer gewaltbereiten Gruppe von Linksautonomen, die heftigsten Auseinandersetzungen mit der Polizei zum Tag der Arbeit seit Jahren. Mindestens 93 Beamte wurden verletzt. Mehr als 100 Demonstranten festgenommen.

Geschätzt 10 000 Menschen waren zur traditionellen "Revolutionären 1. Mai Demonstration" gegen 18 Uhr an den Hermannplatz gekommen. Angemeldet waren 1000. Immer wieder mahnte die Polizei über Lautsprecherwagen, wegen Corona die Sicherheitsabstände einzuhalten. Es war vergeblich. Die Beamten trennten daher den größeren Teil des Demonstrationszuges vom "Schwarzen Block", wo daraufhin die Anspannung stieg. "Immer wieder wurde auf die friedlichen Demonstrierenden eingeprügelt", wird eine Sprecherin der radikalen Linken später sagen.

Der Protest war kleinteiliger, vielstimmger als sonst

Tatsächlich flogen Steine und Flaschen aus dem Protestzug auf die Beamten, Holzpaletten wurden als Barrikaden angezündet, ein SUV brannte aus. Gegen 21 Uhr beendete der Versammlungsleiter schließlich die Demonstration, auch er war von Protestierenden angegriffen worden. Polizeipräsidentin Slowik sprach nun von "inakzeptablen" gewaltsamen Angriffen.

Es war das Ende eines bemerkenswert disparaten Protestes zum Tag der Arbeit. Die Polizei hatte schon zuvor angekündigt, dass es ein "sehr besonderer 1. Mai" werde, "der uns auch auf die Probe stellen wird". Denn anders als in früheren Jahren ist der Protest vielstimmig und kleinteilig geworden, fast 20 Gruppierungen hatten sich angemeldet. Schließlich waren an diesem Samstag insgesamt an die 30 000 Protestierenden und gut 5500 Polizisten auf der Straße.

Es ging um Themen wie die rasant steigenden Mieten, um die Enteignung großer Wohnungsgesellschaften, um soziale Umverteilung, um Flüchtlingspolitik, um die Kritik an den staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapolitik. Also um sehr vieles, was eine Metropole wie Berlin derzeit beschäftigt. Begleitet von Techno-Musik zogen am Nachmittag dazu einige hundert Demonstranten durch Straßen, um auf die prekäre Lage der Clubs der Stadt aufmerksam zu machen.

Bei allem Groll, der sich aufgestaut hat, war aber auch deutlich zu spüren, dass manche Menschen schlicht froh waren, einmal wieder etwas gemeinsam zu unternehmen. So kamen zu einem für rund 1000 Menschen geplanten Fahrradkorso in den wohlhabenden Grunewald rund 10 000 Menschen, unter ihnen viele Eltern mit ihren Kindern, um gegen die steigenden Mieten zu demonstrieren. Und auch am Abend in Neukölln war es nur eine kleine Gruppe an Demonstranten, die Steine warf und Barrikaden errichtete. Weitaus mehr Menschen standen geduldig in den vielen Schlangen vor den Kiosken, um sich noch ein Bier zu holen.

© SZ/bepe
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