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Protest auf Twitter:Immer auf den Rüddel

Warum ein Politiker unter dem Hashtag #twitternwierueddel zum Ziel des Zorns von Pflegekräften wird.

Erwin Rüddel, 62, ist CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im deutschen Bundestag. Früher war er Geschäftsführer eines Pflegeheims in Hessen.

(Foto: oh)

Wer negative Gedanken hat, der wird auch öfter krank, sagt Erwin Rüddel. Er versucht deshalb, die Dinge optimistisch zu sehen. Auch dieses Mal, da er schon wieder in ein Desaster geschlittert ist. Er sagt sich: "Der Rüddel war vorher schon überzeugt, viel für die Pflege machen zu müssen." Und jetzt, wo der Shitstorm da ist, merke auch jeder andere, wie viel Frust es in der Pflege gebe: "So hat er mir letztlich die Arbeit erleichtert." Tatsächlich: Das ist die denkbar positivste Interpretation seiner Lage.

Unter #twitternwierueddel berichten Pfleger von Notständen in Heimen und Krankenhäusern

Erwin Rüddel, 62 Jahre alt, CDU-Politiker aus Rheinland-Pfalz und seit ein paar Wochen Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, hat es geschafft, die Aufmerksamkeit von Alten- und Krankenpflegern aus der gesamten Republik auf sich zu ziehen. Er ist der Grund dafür, dass sich beim Onlinedienst Twitter zur Zeit etwas abspielt, was ihn für ein paar Tage berühmter machte, als er eigentlich ist. Es geht um Nachrichten von Pflegekräften, die im Netz ihrem Ärger Luft machen. Sie berichten von Arbeitsdruck und Überforderung, von schlechter Bezahlung und fehlender Anerkennung, von Missständen in den Heimen und Krankenhäusern, von hilflosen Patienten, die gar nicht oder falsch behandelt werden, weil zu wenig Personal vorhanden ist.

Sie berichten die Unverschämtheiten ihrer Vorgesetzten. Zum Beispiel: "Als ich heiraten wollte und im Dienstplan plötzlich ,Spätdienst' stand. ,Ja aber die Trauung ist doch morgens oder nicht?' Ja, das erdet." Sie schreiben: "Wir sollten zu Tausenden auf die Straße gehen und Präsenz und unsere Wut zeigen." Oder auch: "Der Rüddel macht ein Praktikum. Nicht inner Pflege. Der ist ja nicht dumm." Der Hashtag zur Debatte lautet: #twitternwierueddel.

Den Spruch, mit dem Erwin Rüddel diesen Sturm entfesselt und sich selbst zum Wutobjekt der Pflegenden macht, tippt er in der vergangenen Woche in eine Kurznachricht. Es geht um die Pflegepolitik von Union und SPD und, natürlich, um positives Denken. "#Deal", schlägt Rüddel vor: "Politik handelt konsequent und Pflegende fangen an, gut über die Pflege zu reden."

Die Pfleger reden. Allerdings alles andere als gut. Seine Entschuldigung verschickt Erwin Rüddel drei Tage später. So sei das nicht gemeint gewesen. Er habe ja niemanden beschuldigen wollen. Doch Rüddel ist spät dran. Die Diskussion hat sich längst verselbständigt. Sie findet nun auf Nachrichtenseiten und in der Bild-Zeitung statt, deutschlandweit.

Der Ärger der Pfleger, vielleicht entlädt er sich nicht ohne Grund gerade bei Erwin Rüddel. Bevor er als Abgeordneter in den Bundestag ging, war er selbst Geschäftsführer eines Pflegeheims, der Senioren-Residenz Bad Arolsen. In Berlin wollte er aber eigentlich Verkehrspolitik machen. Denn für die Wähler in seiner Heimat seien damals "Umgehungsstraßen" wichtiger gewesen als Altenheime, sagt Rüddel. Doch seine Partei verpflichtete ihn zur Gesundheitspolitik.

Mittlerweile, sagt er, arbeite er "mit Leidenschaft" in seinem Fach, und die Bürger im Wahlkreis Neuwied interessiere es auch. Doch der Ruf, der Erwin Rüddel in Berlin manchmal umgibt, ist nicht unbedingt schmeichelhaft. Es heißt, er vertrete eher die Interessen der Arbeitgeber und nicht die der Pflegekräfte. So lehnt er zum Beispiel Pflegekammern ab, die ähnlich wie Ärztekammern den Stand der Pfleger verbessern sollen. Mit Zwang gehe das nicht, findet Rüddel.

Im vergangenen Jahr hat sich der CDU-Abgeordnete auf eine Weise gegen eine Ausbildungsreform gestemmt, dass der damalige Patientenbeauftragte der Bundesregierung und Parteikollege Karl-Josef Laumann klagte, es nähmen gerade Lobbyisten Einfluss, "die die Altenpflege möglichst kleinhalten wollen und darüber hinaus alles tun, um Tarifverträge in der Altenpflege zu verhindern". Er habe nun einmal seinen eigenen Kopf, erwidert Rüddel, und ein Freund der Privatunternehmer sei er sicher nicht.

Vielleicht hat Erwin Rüddel aber auch einfach kein Glück mit seinen fröhlichen Botschaften. Schließlich passiert ihm ein solcher Fauxpas nicht zum ersten Mal. Schon im Jahr 2013, vor der vorletzten Bundestagswahl, hatte Rüddel seine Mitarbeiter gebeten, schmissige Wahlsprüche für ihn zu sammeln. Heraus kamen exakt 162 Jubelsätze, die potenzielle Wähler über Rüddel sagen könnten. "Ich wähle Erwin Rüddel, weil er die überzeugenderen Argumente hat und sehr sympathisch ist", zum Beispiel, oder: "Ich wähle Erwin Rüddel, weil er ein super Typ ist: sympathisch, kompetent, einfach klasse!" Die Vorschläge gingen an einen großen E-Mail-Verteiler und fielen mehreren Journalisten in die Hände. Auch damals war ihm die bundesweite Beachtung sicher.