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Prostitution:"Rotlicht an!"

Friseure und Masseure dürfen - "nur wir nicht": Sexarbeiter protestieren gegen das Arbeitsverbot wegen Corona.

Von Christian Wernicke

Lou Violenzia zeigt der Politik die Faust. Hoch gen Himmel reckt die 23-jährige Frau ihre geballte Rechte, in der linke Hand hält sie ein Plakat: "Rotlicht an!" Passanten bleiben stehen. Mal verlegen, mal amüsiert blicken sie auf die knapp 200 Demonstranten, die sich da auf die Treppe unterhalb des Kölner Doms gestellt haben, rote Regenschirme aufspannen und nun vier Stufen oberhalb von Lou Violenzia ein weißes Transparent ausbreiten: "Sexarbeit ist Arbeit - Respekt!"

Lou Violenzia ist nicht der bürgerliche Name der 23-jährigen Studentin aus Bochum. Es ist das Pseudonym, unter dem sie als Prostituierte arbeitet. In der Arbeitskleidung, mit der sie am frühen Mittwochabend vor der Kölner Kathedrale steht: schwarzes Top, schwarze Netzstrümpfe und eine schwarze Atemmaske über Mund und Nase. "Klar, ich schütze mich gegen das Corona-Virus, in der S-Bahn wie bei der Arbeit," sagt Violenzia. Doch genau das, die legale Arbeit, verbietet ihr seit Mitte März der deutsche Staat - per Corona-Regeln: "Die Politik zerstört meine Lebensgrundlage." Gleichzeitig dürfe sie in ihrer Freizeit aber wieder Handball spiele ("Das ist Kontaktsport!"). Weil das Geld für Miete und fürs Essen fehle, so Violenzia, würden mittlerweile viele Kolleginnen "in den Untergrund getrieben", in die illegale Sexarbeit: "Dagegen müssen wir nun auf die Straße gehen."

Die Stimmung ist gut auf der "Huren-Demo." "Es riecht nach Urlaub", ruft lachend ein Sexarbeiter, als Johanna Weber Sonnencreme auf ihrem Oberarm verteilt. Die 52-jährige Berlinerin, seit ihrem 24 Lebensjahr im angeblich ältesten Gewerbe tätig, gehört zum Vorstand des "BesD", des "Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen."

Anfangs, so versichert Weber, habe sie viel Verständnis gehabt für die Corona-Regeln. Und ihr Verband habe Geduld bewiesen, seit im Mai die Lockerungen begannen: "Wir haben uns gesagt: 'Wir sind noch nicht dran'." Inzwischen dürften Friseure, Kosmetikerinnen oder Masseurinnen in allen Bundesländern wieder arbeiten - "nur wir nicht!" Weshalb Weber glaubt, dass es "längst nicht mehr um Corona geht." Sondern? Weber muss grinsen: "Kein Bundesland hat Lust, das schmutzige Thema Prostitution anzupacken."

Neben Weber steht, professionell drapiert in schwarzer Lackschürze, "Master André". Der Sexarbeiter vermutet eine plumpe Diskriminierung seines Berufs. Wie sonst sei zu erklären, dass inzwischen neben Saunen sogar wieder "Swinger-Clubs" öffnen dürften ("Das ist staatlich erlaubtes Rudelbumsen!") - aber Prostitution untersagt bleibe? "Die Leute können einfach daheim oder im Hotel vögeln, ohne irgendwelchen Schutz", empört sich der 44-jährige Berliner, "aber trotz unserer Hygienekonzepte dürfen wir nicht arbeiten, weil wir Geld dafür nehmen."

Tatsächlich hat der BesD längst Hygiene-Empfehlungen erarbeitet: Sexdienst gäbe es demnach nur nach Anmeldung mit Preisgabe der Kontaktdaten. Und nur mit Mundschutz (weshalb etliche, zu Corona-Zeiten brisante Praktiken entfielen). Vor dem Sex müsse der Kunde duschen, danach werde mindestens 30 Minuten gelüftet, die Sexarbeiterin müsse zudem Kleidung, Bettwäsche und Maske wechseln. Und, so betont Johanna Weber, das Gewerbe verschreibe sich eine eigene Abstandsregel: "eine Unterarm-Länge mindestens."

Ganz ohne Widerspruch bleibt die Demo jedoch nicht. Auf der Dom-Treppe mischen sich zwei Aktivistinnen der Frauenrechts-Organisation "Terre des Femmes" in die Menge, auf ihren roten Westen steht "Gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei." Es ist eine kleine Gegendemonstration, denn, so argumentiert Simone Kleinert: "Prostitution ist sehr häufig Zwangsarbeit und Ausbeutung. Und eben nicht frei." Die Frauen, die hier auf die Straße gingen für ihren Beruf, seien allenfalls eine Minderheit unter den Prostituierten.

Die Sexarbeiterinnen drängen die Frauen von "Terre des Femmes" zur Seite. Und aus den Fotos und Videos, mit denen sie weiter für ihre Sache werben wollen. Ihr Ziel bleibt die Wiedereröffnung aller Bordelle zum 1. September. Das letzte Wort vor dem Dom hat dann Lou Violenzia, die Studentin aus Bochum. "Wir wollen nicht gerettet werden," ruft sie zum Ende der Huren-Demo ins Mikrophon, "wir wollen arbeiten!"

© SZ vom 31.07.2020

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