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Prostitution:"Das muss jede Frau für sich entscheiden"

"Ich unterstütze meine Mutter und gute Freunde in Polen. Aber zurzeit habe ich selbst Geldprobleme, weil die Corona-Verbote mich daran hindern zu arbeiten": die Prostituierte Justyna aus Hannover.

(Foto: privat)

Eine Prostituierte in Hannover über ihre Lebensumstände in Corona-Zeiten, ihre Kunden - und die Frage, ob Sexarbeit unwürdig ist.

Interview von Roland Preuß

Die große Mehrheit der Prostituierten in Deutschland kommt aus dem Ausland, vor allem aus Rumänien, Bulgarien, Polen oder auch Ungarn. Die Debatte darüber, wie das Gewerbe geregelt und ob es verboten werden soll, führen vor allem heimische Politikerinnen und Politiker, Experten und eloquente deutsche Prostituierte. Justyna aus Polen findet das nicht in Ordnung. Die 31-Jährige, die mit bürgerlichem Namen anders heißt, arbeitet seit zehn Jahren als Prostituierte in Deutschland.

SZ: Die meisten Prostituierten, vor allem aus dem Osten Europas und Afrika, machten nicht freiwillig Sexarbeit, sondern würden getäuscht, erpresst und bedroht, sagt eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten. Wie ist Ihre Erfahrung?

Justyna: Ich mache das freiwillig. Die meisten Frauen arbeiten selbständig, da hat sich viel verändert. Für viele Frauen aus Rumänien und Bulgarien gilt das allerdings nicht. Die können meist kein Deutsch, haben Männer im Hintergrund, die in Spielhallen rumhängen und warten, bis die Frau Feierabend hat. Diese Frauen kennen die Gesetze hier nicht und meinen, diese Männer würden ihnen helfen.

SZ: Welche Rolle spielt wirtschaftlicher Druck bei Ihnen, wären Sie oder Ihre Familie sonst in Geldnot?

Ich arbeite völlig freiwillig, unterstütze allerdings auch meine Mutter und gute Freunde in Polen. Aber zurzeit habe ich selbst Geldprobleme, weil die Corona-Verbote mich daran hindern zu arbeiten.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Prostituierten, die hierzulande unfreiwillig sexuelle Dienste anbieten?

Nach meiner Einschätzung würde ich etwa 15 bis 20 Prozent sagen, vor allem Rumäninnen und Bulgarinnen, die nicht lesen und schreiben können.

Befürworter eines Prostitutionsverbotes sagen, es seien weit mehr als die Hälfte. Das sehe ich anders. Diese Leute scheinen nur nach einer Gelegenheit zu suchen, Sexarbeit zu verbieten.

Haben Sie einen Mann im Hintergrund, der auf Sie aufpasst?

Nein, habe ich nicht. Ich arbeite legal in einer Privatwohnung in Hannover, aber auch in Hessen, und bin angemeldet.

Sich fremden Männern anbieten, die teilweise bizarre sexuelle Wünsche haben - Kritiker sagen, das ist menschenunwürdig und frauenfeindlich.

Ich bin erwachsen genug, um selbst zu entscheiden, was ich mache. Wenn ein Zuhälter Druck macht, dann ist das Zwang und menschenunwürdig. Ich bin mir aber immer dessen bewusst, was ich tue, ich trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen. Sexarbeit ist nicht unwürdig. Das muss doch jede Frau für sich entscheiden.

Ist Sexarbeit ein Job wie jeder andere?

Ja, ich bin angemeldet, zahle Steuern, Krankenversicherung, Gebühren für die IHK. Die Dienstleistung wird in Deutschland als so normal betrachtet wie zum Friseur gehen. Man braucht allerdings schon eine starke Persönlichkeit, damit man nicht mit Alkohol anfängt oder mit Drogen.

Wie viele Freier lehnen Sie ab?

Das kommt eher selten vor. Meist mache ich die Termine schriftlich ab, da kann ich schon aussortieren. Manche denken, sie bezahlen und können dann alles bekommen. Das lehne ich ab. Und ich arbeite nicht nachts oder Samstagabend, weil da kommt mehr unangenehme Kundschaft.

Was kommen da für Freier? Sind das viele gewaltbereite Typen oder Machos?

Vor allem kommen Männer, die in Beziehungen sind. Manche sagen: Ich liebe meine Frau, aber immer das gleiche schmeckt nicht. Viele sagen: Meine Frau hat keine Lust mehr, sie sucht ständig Ausreden. Das sind etwa 80 Prozent. Die restlichen 20 Prozent sind Männer, die nie eine Beziehung hatten, die schon lange alleine sind oder eine Persönlichkeitsstörung haben. Ich bediene die trotzdem. Dann kann es leider passieren, dass der Mann sich verliebt. Es sind übrigens viele selbständige Männer darunter, die können tagsüber leichter Pause machen. Machos kommen eher nicht. Gewaltbereit sind meine Kunden überhaupt nicht.

Haben Sie denn nie Freier-Gewalt erlebt?

Doch, ziemlich am Anfang. Ein Mann wollte Verkehr ohne Kondom, gegen meinen Willen. Er hat es mit Kraft versucht, ich habe mich gewehrt. Das war unangenehm, er war stärker, aber er hat dann aufgegeben. Ich bin ein sportlicher Typ.

Warum arbeiten Sie in Deutschland und nicht in Polen oder auch Italien?

Es gibt immer noch diese Legende in Polen, dass man in Deutschland gut leben kann und alles so einfach ist. Ich habe in Polen studiert und wollte nach Holland gehen, um in einem gewöhnlichen Beruf zu arbeiten. Aber das hat nicht funktioniert, ich konnte nicht viel Geld verdienen. Da habe ich mich dann für Sexarbeit in Deutschland entschieden, um mehr Geld zu verdienen.

Viele Bordelle in Deutschland sind weiterhin geschlossen, wenn es nach einer ganzen Reihe von Politikern und Aktivisten geht, dann soll das auch so bleiben - und Sexkauf generell verboten werden. Was würden Sie und Ihre Kolleginnen dann machen?

Vielen werden dann in die Illegalität gehen, so wie in Frankreich. Prostitution wird weiter stattfinden. Ein Teil würde wahrscheinlich abwandern in die Schweiz, Österreich oder Holland, aber die meisten würden wohl hierbleiben. Ich glaube nicht, dass die Frauen aufhören.

In der Debatte um Prostituierte in Deutschland werden Sexarbeiterinnen aus dem Ausland sehr oft als Opfer Krimineller gesehen. Nervt Sie das?

Ja, das nervt mich sehr. Einige Politiker stellen das so dar. Viele Frauen aber wollen Geld sparen, um später ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Nagelsalons oder Friseurstudios sind da sehr beliebt.

© SZ vom 20.08.2020/oh
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