Propaganda aus Russland:"Obama wird in der Hölle brennen"

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Wie PR-Profis diesen Eindruck fördern, geht aus den internen Strategiepapieren der Petersburger Agentur hervor. Darunter sind eingehende Analysen der sozialen Netzwerke Facebook, Twitter, LinkedIn und Youtube. Die Altersverteilung der Nutzer wird ebenso unter die Lupe genommen wie die Tageszeit, in der die Aktivität am höchsten ist, sowie die politische Einstellung des Publikums. So sei die Anhängerschaft der US-Demokraten unter Twitter-Nutzern besonders hoch, bei der Networking-Plattform LinkedIn am geringsten.

Die Troll-Analysten zählen Unterstützergruppen für Barack Obama bei Facebook und Twitter auf und legen im Detail dar, welche Regeln für Kommentare auf den Nachrichten-Portalen Politico, Huffington Post oder Fox News gelten. Werden Kommentare sofort veröffentlicht oder vorher geprüft? Gehen Schimpfwörter durch oder wird der Kommentar gelöscht? Über die Website theblaze.com wird bemerkt, dass auch beleidigende Kommentare toleriert werden, beispielsweise der Satz, die Bestimmung von Afroamerikanern seien "Rap und Basketball, aber nicht zu regieren". Auf Facebook und Twitter gebe es gar keine Zensur, dort schrieb einer, wegen seiner Ukraine-Politik werde "Obama in der Hölle brennen und Satan wird seine Frau vergewaltigen".

In einer Tabelle listen die Strategen auf, welche politische Einstellung amerikanische Nachrichtenseiten vertreten und wie sie über die russische Außenpolitik berichten. In einem anderen Papier legen sie dar, welches Echo provokative Kommentare auf unterschiedlichen Portalen auslösten und welcher Grad an Schärfe im Ton den größten Erfolg bringt. Aus ihren Analysen ziehen die Autoren Schlüsse, wie am wirkungsvollsten vorzugehen sei. So sei es ratsam, bei der Huffington Post "bis zu 100 Profile" anzulegen und zu pflegen, da dort jene Kommentare ganz oben angezeigt werden, deren Autoren die meisten Kontakte haben.

Ein Papier gibt Argumentationshilfen für das russische Publikum wie diese: "Europa ist in einer schweren Krise. Vergleicht das mit unserem Land. Wir haben keine Schulden. Es droht eine neue Krise. Überlegt gut, ob man in einer solchen Situation eine Mannschaft auswechseln sollte, die ihre Effektivität bereits bewiesen hat!" In den Daten findet sich auch das Konzept für eine Facebook-Gruppe mit dem Titel "The American Dream": In der ersten Phase sollten dort positive Beiträge über den Amerikanischen Traum veröffentlicht werden, um dann nach und nach kritischer zu werden.

"US-Democracy = Death"

Das Harry-Potter-Video auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal hatte nur mäßigen Erfolg - gut 700 Aufrufe in drei Wochen. Der Clip aus der Vorwoche dagegen lief ungleich besser: Mehr als 35 000 Nutzer haben sich "US Democracy-Building in Ukraine" angesehen. Es beginnt mit dem Satz, die Demokratie sei das wichtigste Gut in den USA, behauptet dann, Washington habe fünf Milliarden Dollar ausgegeben, um in der Ukraine Faschisten an die Macht zu bringen und kulminiert nach dramatischen Bildern vom Einsatz von verletzten und getöteten Zivilisten in der Gleichung: "US-Democracy = Death".

Wer gibt solche Kampagnen in Auftrag? Die Spuren in den internen Dokumenten der Internet-Manipulatoren führen zu dem Petersburger Unternehmer Jewgenij Prigoschin, der in der oppositionellen Presse den Spitznamen "Putins Koch" trägt. Die beiden kennen sich aus den Neunzigerjahren, als Prigoschin in Sankt Petersburg das Kasino "Conti" betrieb und Putin in der Stadtverwaltung für die Überwachung des Glücksspiels zuständig war. Mittlerweile hat der massige Glatzkopf ein Gastronomie-Imperium aufgebaut, nicht zuletzt dank einiger Großaufträge vom Staat. Neben diversen Restaurants in Petersburg und Moskau bestreitet seine Concord-Gruppe unter anderem das Catering bei offiziellen Anlässen wie dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum und beliefert Schulen und die Streitkräfte mit Fertiggerichten.

Prigoschin fällt nicht zum ersten Mal damit auf, dass er sich auch jenseits des Kulinarischen um das Wohl des Kreml kümmert. 2012 soll er die Produktion des Films "Anatomie des Protests" gefördert haben, der die führenden Köpfe der Massendemonstrationen gegen die gefälschten Wahlen als von Georgien und den USA bezahlte Verschwörer darstellte - Vorlage für eine Reihe von Prozessen gegen Kreml-Kritiker, die zum Teil bis heute fortgesetzt werden. Als im vergangenen Jahr mehrere Personen aufflogen, die sich in Redaktionen kritischer Medien eingeschlichen hatten, um sie auszuspionieren, wurde bekannt, dass Prigoschin hinter der Aktion stand. Eine der Spioninnen ist laut dem internen Schriftverkehr nun in führender Position bei den Trollen in Olgino tätig.

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