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Prominente Wahlverlierer:Triumph der Schotten, Labours Elend

Die Nacht war lang und grausam: Labour und Liberale müssen in mehreren Wahlkreisen schlimme Niederlagen wegstecken, mehrere Spitzenpolitiker verlieren ihren Sitz im Unterhaus. Es triumphieren: Schotten - und konservative Frauen. Die fünf spannendsten Duelle.

Von Kathrin Haimerl

Die Wahl in Großbritannien war spannend wie selten: In 650 Wahlkreisen haben die Briten abgestimmt. Es galt das Prinzip winner takes all oder first past the post - heißt: Wer nicht die Mehrheit der Stimmen bekommt, hat verloren. Besonders grausam war die Wahlnacht für Labour und Liberale: Etliche namhafte Spitzenpolitiker verlieren ihren Sitz im Unterhaus, Schotten und Konservative rücken nach.

Mhairi Black versus Douglas Alexander

Sie ist künftig die jüngste Abgeordnete im britischen Parlament: Mhairi (gesprochen wie Mary) Black ist gerade einmal 20 Jahre alt und studiert im dritten Jahr Politik an der Universität Glasgow. Nun testet die Kandidatin der schottischen Nationalisten die Praxis - indem sie ausgerechnet den Wahlkampfmanager von Labour schlägt. In ihrem Wahlkreis Paisley und Renfrewshire South ist sie gegen Douglas Alexander angetreten. Der sitzt, beziehungsweise saß, seit 1997 im House of Commons. Er galt als Schatten-Außenminister von Labour-Chef Ed Miliband. 2010 hatte er den Wahlkreis noch mit 60 Prozent der Stimmen verteidigt. Nun muss er sich mit 13 Prozentpunkten Rückstand klar geschlagen geben. Blacks Partei gewinnt in Schottland 56 der 59 zu vergebenden Sitze und fegt damit Labour so gut wie von der politischen Landkarte. "Die Schotten haben gesprochen und es ist Zeit, dass ihre Stimme in Westminster gehört wird", so Black in ihrer Siegesrede. Noch triumphierender klingt der frühere Erste Minister von Schottland, Alex Salmond: "Heute Nacht wird ein Löwe brüllen, ein schottischer Löwe, und er wird mit einer Stimme brüllen, die keine Regierung, welcher politischen Couleur auch immer, ignorieren kann." Erinnert an bayerische Verhältnisse.

Die schottische Nationalistin Mhairi Black (R), jüngste Abgeordnete des neu gewählten Parlaments, triumphiert mit ihrem Parteifreund Gavin Newlands.

(Foto: AFP)

Jim Murphy versus Kirsten Oswald

Der Erfolg der schottischen Nationalisten geht fast gänzlich auf Kosten von Labour. Sogar der charismatische schottische Labour-Chef Jim Murphy verliert seinen Unterhaus-Sitz. Er musste seinen Wahlkreis East Renfrewshire an die schottische Nationalistin Kirsten Oswald abgeben. Murphy hatte den Sitz seit 1997 inne und den Wahlkreis 2010 mit einer überwältigenden Mehrheit von 10 000 Stimmen verteidigt. In seiner Rede gab sich Murphy kämpferisch: Es sei eine schreckliche Nacht für seine Partei gewesen. "Wir wurden von der Geschichte überwältigt." Zurücktreten werde er nicht. Schottland brauche eine starke Labour-Partei und man werde morgen zum "Gegenangriff" übergehen. Murphys Partei hat in Schottland ein schlechteres Wahlergebnis als 1906 eingefahren. Damals gewann Labour immerhin noch zwei Sitze. Ein einziger Labour-Mann schafft es aus Schottland nach Westminster: Ian Murray konnte den Wahlkreis Edinburgh South verteidigen. Das Wahlergebnis verwandelt Schottland praktisch in eine Ein-Parteien-Region und schürt Sorgen, dass dort schon bald der nächste Anlauf für ein Unabhängigkeitsreferendum unternommen werden könnte.

Ed Balls versus Andrea Jenkyns

Es dürfte der wohl schmerzhafteste Verlust für Labour sein: Ed Balls ist neben Labour-Chef Ed Miliband der prominenteste Mann in diesem Wahlkrimi. Unter einer Labour-Regierung wäre er möglicherweise Finanzminister geworden. Doch künftig wird Balls nicht mehr im Unterhaus vertreten sein: Er verlor seinen Wahlkreis Morley & Outwood ganz knapp. Tory-Kandidatin Andrea Jenkyns hat gerade einmal 422 Stimmen Vorsprung. In seiner Rede sprach er von einem "Gefühl des Schmerzes" angesichts von Labours Niederlage.

Vince Cable versus Tania Mathias

Ein Desaster erlebten auch die Liberaldemokraten. Besonders schmerzhaft: das Ergebnis im Londoner Stimmbezirk Twickenham. Wirtschaftsminister Vince Cable verlor sein Mandat gegen die konservative Kandidatin Tania Mathias. Für die Konservativen ist dies ein großer Triumph, auch wenn die Liberalen Teil der noch amtierenden Koalition sind. Cable hatte den Sitz seit 1997 inne, in der bisherigen Regierung war er Wirtschaftsminister. Auch der Liberale Danny Alexander, der zu den Architekten der bisher regierenden Koalition gehört, muss sich geschlagen geben und seinen Wahlkreis an den schottischen Lokalpolitiker Drew Hendry abgeben. Parteichef Nick Clegg sprach von einer "grausamen Nacht für die Liberaldemokraten". Zwar konnte Clegg seinen Sitz in Sheffield Hallam halten. Dennoch erklärte er seinen Rücktritt als Parteichef.

Nigel Farage versus Craig Mackinlay

Bereits zum fünften Mal hat Ukip-Chef Nigel Farage versucht, ins Unterhaus zu kommen. Er ist erneut gescheitert. Der Rechtspopulist verlor mit 32 Prozent der Stimmen die Abstimmung im Wahlkreis South Thanet an der britischen Ostküste gegen den Kandidaten der Konservativen Partei, Craig Mackinlay (38 Prozent). Mackinlay war selber kurzzeitig Ukip-Mitglied, wechselte dann aber zurück zu den Tories. Im Falle eines Scheiterns hatte Farage seinen Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt - am Tag nach der Wahl machte er dieses Versprechen wahr. Obwohl sie in vielen Wahlkreisen zweitstärkste Kraft war, kommt sie im künftigen Unterhaus wohl nur auf einen Sitz. Seinen Sitz abgeben muss der Ukip-Abgeordnete Mark Reckless, der von den Tories zu den Rechtspopulisten übergelaufen war. Er verlor seinen Wahlkreis Rochester & Strood an die Tory-Kandidatin Telly Tolhurst.

© SZ.de/dpa/AFP/fued
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