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Promi-Blockade gegen Stuttgart 21:"Wir können es schaffen"

Sie wollen nicht weichen: Mehrere hundert Stuttgart-21-Gegner blockieren erneut die Baustelle - mit prominenter Unterstützung. Ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen, wenn das Ergebnis des Stresstests veröffentlicht wird? Der Schauspieler Walter Sittler rechnet mit heftigen Protesten.

Michael König

Am kommenden Sonntag wird gefeiert: ein Jahr Mahnwache am Hauptbahnhof. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat mehrere Musikbands und Künstler eingeladen, das Programm auf dem Bahnhofsvorplatz ist für acht Stunden angelegt. Der Protest soll sichtbar werden - auch in Vorbereitung auf die kommenden Wochen, wenn das Ergebnis des Stresstests bekanntgegeben wird, bei dem der neue Tiefbahnhof seine Leistungsfähigkeit beweisen soll. An diesem Freitag gingen die S21-Gegner jedoch zunächst einer für ihre Verhältnisse eher profanen Beschäftigung nach: Sie blockierten die Baustelle des Tiefbahnhofs.

Stuttgart 21 Sitzblockade

Schauspieler Walter Sittler (Mitte) bei einer Sitzblockade am Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs: "Die Neuigkeiten überschlagen sich derzeit geradezu."

(Foto: dpa)

Die Polizei spricht von etwa 200 Menschen, die sich in den frühen Morgenstunden zunächst am Südflügel des Hauptbahnhofs versammelt und die Straße blockiert hätten. Sie sei zunächst gesperrt worden, der Verkehr habe bald darauf jedoch wieder fließen können. Im Gegensatz zum 20. Juni, als es zu Sachbeschädigungen und Handgreiflichkeiten gekommen war, sei der Protest friedlich verlaufen.

Später sei eine etwa 50-köpfige Gruppe von Demonstranten zum Nordflügel weitergezogen und habe dort die Zufahrt zur Baustelle blockiert. Die Polizei hielt sich nach eigenen Angaben zunächst zurück, begann dann jedoch, die Blockade zu räumen.

Die amtliche Schilderung deckt sich größtenteils mit den Angaben von Matthias von Herrmann, dem Sprecher der "Parkschützer", einer besonders aktiven Gruppe von S21-Gegnern, die sich um den Erhalt des Schlossgartens sorgen. Von Herrmann spricht allerdings von insgesamt 400 Teilnehmern der Demonstration, inklusive einer Musikkapelle, einer Trommlergruppe - und einiger prominenter Gesichter.

Der Stuttgarter Theaterregisseur Volker Lösch war ebenso anwesend wie die in der linken Szene bekannten emeritierten Berliner Politologen Peter Grottian und Wolf-Dieter Narr. Zu den Demonstranten gehörte auch Walter Sittler, der mit schwarzer Jacke und grünem K21-Button an der Hutkrempe inmitten der Sitzblockade Platz genommen hatte.

Der Schauspieler (Nikola, Girlfriends) gilt als Wortführer der Gegner des milliardenschweren Projekts, doch zuletzt war er seltener in Erscheinung getreten. Nicht, weil er das Interesse verloren hätte, wie Sittler im Gespräch mit sueddeutsche.de betont: "Das war schlicht meiner Arbeit geschuldet, ich war für Dreharbeiten in Schweden. Ich verfolge das alles sehr genau. Die Neuigkeiten überschlagen sich ja derzeit geradezu."

Am Tag vor der Demo hatte Hartmut Bäumer, Ministerialdirektor im inzwischen grün geführten Verkehrsministerium einen Aktenvermerk präsentiert, der offenbar im Auftrag der schwarz-gelben Vorgängerregierung angefertigt wurde. Demnach hatten CDU und FDP im Jahr 2009 erhebliche Zweifel an der Kostenkalkulation der Deutschen Bahn für das Projekt Stuttgart 21. Die Bahn betont hingegen, die Rechnung sei plausibel.

Sittler: Das Projekt ist ein "teurer Irrtum"

Die S21-Gegner fühlen sich in ihrer Haltung bestätigt: Es sei ein teurer Irrtum, den bestehenden Kopfbahnhof unter die Erde zu verlegen. "Die Finanzierung der Bahn ist fehlerhaft", sagt Walter Sittler. Seine Hoffnung, den Bau noch stoppen zu können, sei erstarkt: "Wir können es schaffen. Alle Fakten sprechen für den Kopfbahnhof. Wir müssen die Landesregierung mit physischer Anwesenheit unterstützen. Stuttgart 21 kann nicht gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung gebaut werden."

Der jüngsten Meinungsumfrage mag Sittler keinen Glauben schenken: Das Institut Forsa hatte Anfang Juli verkündet, sowohl in Baden-Württemberg (47 Prozent) als auch in Stuttgart (49 Prozent) sei inzwischen eine Mehrheit der Bürger für Stuttgart 21. "Ich halte es mit Churchill", sagt der Schauspieler: "Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe."

Mit Skepsis blickt Sittler auch dem kommenden Donnerstag entgegen, wenn das Schweizer Verkehrsberatungsunternehmen SMA seine Bewertung des Stresstests seinen Auftraggebern - dem Land und der Bahn - übergeben wird. Die Öffentlichkeit soll einige Tage später informiert werden. Befürworter und Gegner von Stuttgart 21 hatten sich in der von Heiner Geißler geführten Schlichtung darauf verständigt, dass der neue Tiefbahnhof 30 Prozent leistungsfähiger sein muss als der jetzige Kopfbahnhof.

Seitens der Bahn waren früh optimistische Töne zu vernehmen, was das Ergebnis betrifft. Die Gegner reagierten verstimmt und zogen die Glaubwürdigkeit der SMA-Verkehrsprüfer in Zweifel. Daraufhin erklärte das sonst eher schweigsame Schweizer Unternehmen in einer Stellungnahme im Internet, es sei seit 20 Jahren der Neutralität und Objektivität verpflichtet. Man verstehe und bearbeite den Auftrag "zum Audit des Stresstestes im Geiste des Schlichters und zuhanden der Öffentlichkeit".

Sittler sagt, man müsse das Ergebnis des Stresstests genau evaluieren und abwarten. Ein positives Urteil könne er sich jedoch kaum vorstellen. Und wenn doch? Dann rechne er damit, dass nach der Veröffentlichung, die laut Heiner Geißler Ende Juli erfolgen soll, die Proteste heftiger werden. "Heftiger nicht in der Ausführung", konkretisiert Sittler. "Aber was die Anzahl der Menschen betrifft. Wir setzen auf die Menge der informierten Bürger."

Etwas anders klingt die Erwartungshaltung von Parkschützer Matthias von Herrmann: "Für uns spielt der Stresstest keine so große Rolle", sagt er im Gespräch mit sueddeutsche.de, "weil die Bahn ohnehin keine Hintergrundinformationen offenlegen wird." An der Ablehnung der Parkschützer gegenüber Stuttgart 21 werde das Ergebnis "nichts ändern".

© sueddeutsche.de/mati
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