Süddeutsche Zeitung

Profil:Xavier Naidoo

Zwielichtiger Repräsentant Deutschlands beim nächsten Eurovision Song Contest.

"Wo willst du hin?", hieß vor 13 Jahren ein Lied von Xavier Naidoo. Damals hätte kaum jemand gedacht, dass man diese Frage einmal auf ihn selbst beziehen muss. Denn damals war Naidoo berühmt als Sänger, der sanften Soul machte. Außergewöhnlich an ihm war höchstens, dass er diesen Soul auf Deutsch sang, was seinen Erfolg nur vergrößerte, und dass er sich andauernd, esoterisch angehaucht, zum christlichen Glauben bekannte. Nun hat ihn die ARD für den Eurovision Song Contest (ESC) im nächsten Jahr nominiert. Und spätestens damit gibt er Anlass, sich genauer mit seiner Entwicklung zu befassen.

Denn in den vergangenen Jahren wollte der heute 44-Jährige vor allem in eine Richtung - hin zu einer Szene, in der Verschwörungstheoretiker auf Rechtsextreme und Antisemiten treffen. Dieser Drang von ihm wurde am 3. Oktober 2014 einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als er bei einer Kundgebung der sogenannten Reichsbürgerbewegung in Berlin eine Rede hielt. Diese Gruppe ist eine ganz spezielle Subkultur. Sie hält Deutschland für ein von Amerikanern besetztes Land, oder wahlweise für eine GmbH (mit den Bürgern als deren Personal). Bei ihr fühlen sich Menschen, die an eine Verschwörung von Regierungen, Freimaurern und Außerirdischen glauben, ebenso wohl wie Nazis, die die Bundesrepublik hassen. Im Publikum war damals auch der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke.

In einem Interview, das Naidoo im März dem Stern gab, distanzierte er sich kaum von dieser Bewegung. Er sagte nur, es sei ihm wichtig, sich auch mit Menschen auszutauschen, deren Auffassung er nicht teile. Und er beharrte darauf, dass der Terrorangriff vom 11. September 2001 wie eine "kontrollierte Sprengung" ausgesehen habe. "Daran gibt es nichts zu deuten." Außerdem erzählte er, wie er 2010 den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler angezeigt hatte, wegen Hochverrats.

Auch in seinen Liedern formuliert Naidoo so, wie es jemand nicht täte, der über jeden Zweifel erhaben sein will. In einem Song zur Finanzkrise sang er von "Baron Totschild" - und meinte damit die jüdische Bankiersfamilie Rothschild. In seinem Lied "Wo sind sie jetzt" verbreitete er Fantasien, wie mit Kinderschändern umzugehen sei, er sang darüber, welche Körperteile er denen gern abschneiden würde. Es brachte ihm Anzeigen wegen des Aufrufs zum Totschlag sowie wegen Volksverhetzung ein. Und es gab auch eine Passage darin, die sich nur als homophob verstehen ließ. Das Verfahren wurde eingestellt.

"Nicht mit vielen wirst du dir einig sein", sang er einmal, "doch dieses Leben bietet so viel mehr." Nun bietet die ARD ihm viel. Vor dem ESC 2016 dürfen die Zuschauer nur noch entscheiden, mit welchem Lied er antritt. Aber wird Naidoo das schaffen: Botschafter dieses ihm so suspekten Landes zu sein? Er gibt derzeit keine Interviews, äußert sich nur auf der Eurovisions-Website der ARD. "Ich stehe für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander."

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Quelle:
SZ vom 20.11.2015
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