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Profil:Toshihiro Nikai

Königsmacher der Liberaldemokraten in Japan.

Von Thomas Hahn

(Foto: Foto:Fred Dufour/AP)

Kurz nach der Rücktrittserklärung des japanischen Premierministers Shinzo Abe traten am Freitag in Tokio die Spitzenpolitiker der Regierungspartei LDP zu einem Notfalltreffen zusammen. Ihre erste Entscheidung: Toshihiro Nikai wird mit der Organisation der Abe-Nachfolge betraut. Der Beschluss war im Grunde nur eine Formalie, denn Personalfragen gehören zu Nikais Befugnissen als Generalsekretär und erster Manager der LDP. Über ihm steht innerhalb der Partei nur deren Präsident, der gleichzeitig als Premierminister amtiert, wenn die LDP an der Macht ist. Als Abe erklärte, aus gesundheitlichen Gründen seinen Posten räumen zu wollen, war also gleich klar: Japans Zukunft liegt jetzt in Nikais Händen.

Toshihiro Nikai ist ein bewährter Profipolitiker aus dem Einzelwahlkreis Wakayama 3, früherer Verkehrs- und Wirtschaftsminister und mit seinen 81 Jahren nicht gerade der Vertreter einer neuen Politikergeneration. Als Shinzo Abe ihn im August 2016 vom Vorsitzenden des LDP-Exekutivrates zu seinem Partei-Generalsekretär machte, gab es Geraune in den eigenen Reihen. Denn damit war klar: Erneuern und verjüngen wollte der rechtskonservative Abe seine Partei nicht. Im Gegenteil, er wollte seine Macht absichern. Die Zeitung Mainichi zitierte damals einen Vertrauten Nikais mit den Worten: "Der Premierminister erwartet von Nikai, gegensätzliche Meinungen innerhalb der Partei zu entschärfen."

Der erfahrene, bestens vernetzte Senior hat die Erwartungen nicht enttäuscht. Als treuer Adjutant des Premierministers hat er in den eigenen Reihen für Ruhe gesorgt und Wahlsiege abgesichert. Mit Nikais Vorgänger Sadakazu Tanigaki musste Abe manchmal streiten, weil Tanigaki die Konsumsteuer-Erhöhung nicht verschieben wollte oder einen sparsameren Umgang mit Steuergeld bevorzugte. Mit Nikai waren diese Streitigkeiten vorbei. Als bekennender China-Freund half Toshihiro Nikai, die Beziehungen zum großen Nachbarn zu verbessern, was Abe aus wirtschaftlichen Gründen wichtig war. Und in der Öffentlichkeit tritt Nikai als ergebener Schmeichler Abes auf. "Seine Mitmenschlichkeit ist exzellent", hat er Ende Juli in der Zeitschrift Shukan Gendai gesagt. Toshihiro Nikai hätte auch nichts dagegen gehabt, Abe für eine weitere Amtszeit als Parteipräsident und Premierminister zu empfehlen.

Diese Überzeugungsarbeit muss er sich nicht mehr antun. Dafür ist Toshihiro Nikai jetzt der Zeremonienmeister bei der Kür der nächsten starken Führungsperson. Gesucht wird ein neuer Abe, der internationalen Wirtschaftspartnern, der japanischen Gesellschaft und der Partei ein Gefühl von Sicherheit gibt. Ein echter Kurswechsel? Das wird mit Toshihiro Nikai wohl nicht zu machen sein. Er kennt die LDP noch aus der Zeit parteiinterner Unruhe. Er ist deshalb einst selbst zu kurzlebigen Alternativparteien geflohen. Stabilität ist für ihn ein Wert an sich.

Das ist wohl auch der Grund, dass er sich klar zu Yoshihide Suga bekennt, dem Chefsekretär des Abe-Kabinetts. Vor Kurzem hatte Nikai zu Kandidatenfragen noch ganz diplomatisch gesagt: "Es gibt Hunderte von Humanressourcen in der LDP. Unsere Partei ist eine Fundgrube an Humanressourcen." Am Freitag, nach Abes Rücktrittsankündigung, lobte er ausdrücklich Sugas Fähigkeiten. Am Sonntag erklärte Suga dann plötzlich, er werde kandidieren für den Vorsitz der Partei. Wer Nikais Unterstützung sicher hat, kann einen solchen Schritt wagen.

Und Toshihiro Nikai selbst? In seinem Alter denkt man normalerweise nicht mehr zu weit in die eigene Zukunft hinein. Aber seine Rolle als Parteimanager hinter den Kulissen mag er sehr. Shinzo Abe wollte ihn bei seiner letzten Kabinettsumbildung im September 2019 eigentlich ersetzen. Aber Nikai sagte: Ich gehe nicht. Also blieb er. Wenn nichts mehr schiefgeht, wird er im September der am längsten amtierende Generalsekretär sein, den die LDP je hatte.

© SZ vom 31.08.2020

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