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Profil:Tedros Adhanom Ghebreyesus

Der WHO-Chef ist umstritten.

Von Francesca Polistina

(Foto: Fabrice Coffrini/Pool via REUTERS)

Vor seiner Wahl zum Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2017 sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, er wolle die Geber-Basis der WHO vergrößern. Das kam nicht von ungefähr: Schon damals hatte US-Präsident Donald Trump mit einer Reduzierung des amerikanischen Beitrags gedroht. Drei Jahre und eine Pandemie später muss der WHO-Chef, der kurz Tedros genannt wird, eingestehen, dass ihm dies nicht gelungen ist. Im Gegenteil. Am Dienstagabend kündigten die USA offiziell ihren Rücktritt aus der Organisation an. Tedros reagierte auf Twitter kurz und knapp. "WHO together", schrieb er, und postete einen Podcast zum Thema "Warum wir die WHO brauchen". Klingt hoffnungsvoll, ist aber nicht mehr so selbstverständlich.

Tedros gehört zu jenen Menschen, die in Zeiten des Coronavirus einen schwierigen Job haben, untertrieben formuliert. Der 55-jährige Äthiopier ist Generaldirektor einer Organisation, die schon in der Ebola-Krise stark kritisiert worden ist und nun, auch durch die Attacken von Trump, ins Zentrum eines Sturms geraten ist. Zu den Kernaufgaben der WHO gehört nämlich die Bekämpfung von Gesundheitskrisen, und da ist diesmal einiges schiefgelaufen.

Zum Beispiel bei der Ausrufung der "Pandemie". Kritiker bemängeln, die Erklärung sei zu spät gekommen, und zwar zu einem Zeitpunkt, als das Coronavirus schon in mehr als hundert Ländern nachgewiesen war. Oder beim Umgang mit China. Tedros, dessen Wahl von Peking unterstützt worden war, wird vorgeworfen, der chinesischen Regierung gegenüber zu nachgiebig gewesen zu sein - obwohl schon klar war, dass China sich Fehler und Vertuschungsversuche geleistet hatte. Und nicht nur das: Die WHO lobte Chinas Vorgehen und die angebliche Offenheit seiner Führung, Propagandabotschaften blieben hingegen unkommentiert. Seitdem wird zunehmend kritisiert, die mangelnde Distanz zu Peking tue der WHO nicht gut. Immer mehr Menschen fordern nun den Rücktritt ihres Chefs.

Dabei hatte Tedros seinen Posten bei der WHO als Mann des Neubeginns angetreten, was auch seine Biografie nahelegte. Er ist der erste Afrikaner, der an die Spitze der Weltgesundheitsorganisation gewählt wurde. Seine Kandidatur war von den afrikanischen Ländern stark unterstützt worden. Zudem ist er der erste WHO-Chef, der nicht selber Arzt ist, sondern Biologe und Immunologe. Anders als seine Vorgängerin Margaret Chan steht er gerne in der Öffentlichkeit und kommuniziert viel in den sozialen Medien, seinem Twitterprofil folgen mehr als 1,2 Millionen Menschen. Vor allem aber hat er viele der Probleme, die mit einer schlechten Gesundheitsversorgung zu tun haben, selbst erlebt. So musste er als Siebenjähriger den Tod seines zwei Jahre jüngeren Bruders erleben. Der Bruder sei an einer Krankheit gestorben, die in einem Land mit einem funktionierenden Gesundheitssystem heilbar gewesen wäre, sagt der WHO-Chef. Doch das war in seinem Heimatland nicht der Fall.

Tedros Adhanom Ghebreyesus ist 1965 in Asmara geboren, das damals von Äthiopien besetzt war und heute die Hauptstadt Eritreas ist, eines der ärmsten Länder der Welt. Die Geschichte seines Bruders erzählt er immer wieder, er sagt, dessen Tod motiviere ihn bis heute, für eine bessere Gesundheitsversorgung zu kämpfen. Er könne nicht akzeptieren, dass jemand sterben muss, "nur weil er arm ist".

Auch deshalb zog es Tedros in das Gesundheitswesen. Er studierte Biologie in Asmara, dann Immunologie in London und promovierte im Fach Öffentliches Gesundheitswesen. 2002 wurde er Gesundheitsminister in Äthiopien. Viele attestieren ihm Erfolg, zum Beispiel beim Ausbau des Gesundheitssystems. Doch auch damals erntete er Kritik, weil er Cholera-Ausbrüche kleingeredet haben soll. Kein Wunder, dass die Medien ihn immer mehr so bezeichnen: eine umstrittene Figur.

© SZ vom 09.07.2020
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