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Profil:Szabolcs Dull

Orbán-kritischer Ex-Chefredakteur auf Jobsuche.

Von Cathrin Kahlweit

(Foto: Bernadett Szabo/Reuters)

Nachdem Viktor Orbán auf dem EU-Gipfel mit polnischer Hilfe die Koppelung der Auszahlung von Fördermitteln an die Rechtsstaatlichkeit seiner Lesart nach verhindert hatte, pries er in Interviews seinen Verhandlungserfolg - und die Pressefreiheit in Ungarn. Mit einer kurzen Internetrecherche, sagte er der Bild, könne jeder sehen, wie intakt der Rechtsstaat und wie "heftig" die Kritik an der Regierung in ungarischen Medien häufig sei.

Szabolcs Dull, 36, bis dato überaus erfolgreicher Chefredakteur der populärsten ungarischen Nachrichten-Webseite, weiß aus bitterer Erfahrung, dass das nur sehr bedingt der Realität entspricht. Denn die Zahl der Presseorgane, die nicht in der Hand von Orbán-Vertrauten und Mittelsmännern ist, sinkt seit Jahren. Nun scheint auch sein bisheriger Arbeitgeber, Index.hu, vollends in den Fokus der Orbán-Fangemeinde geraten zu sein.

Dull wurde jedenfalls entlassen.

Vor zwei Jahren schon hatte Index, das mit etwa hundert Journalisten zu den größten noch existierenden nicht-staatlichen Medien gehört, wohlweislich ein "Unabhängigkeitsbarometer" auf seine Webseite gestellt, der drei Stufen hat: grün für "unabhängig", gelb für "gefährdet" und rot für "abhängig". Vor einigen Wochen stellte Dull ihn auf "gefährdet" um, gekoppelt mit einer düsteren Warnung: Die Unabhängigkeit der meistgeklickten und vor allem bei jungen Leuten beliebten Nachrichtenseite des Landes sei nicht mehr garantiert.

Die Vorgeschichte dieses Hilferufs ist in etwa so komplex und undurchsichtig wie der Stand der Pressefreiheit: Ungarischen Journalisten zufolge ist Index seit 2017 im Besitz von Orbán-nahen Unternehmern, eine zwischengeschaltete Stiftung habe aber die politische Unabhängigkeit weitgehend gesichert. In diesem Jahr aber sei ein weiterer, regierungsnaher Investor in die verschachtelte Konstruktion eingestiegen, dann hätten sich zwei "unabhängige" Berater eingemischt, die Stiftung habe den Mitarbeitern mit radikalen Sparmaßnahmen, Entlassungen und einer "Neuorganisation" gedroht. Die Redaktion wehrte sich immer lauter gegen Interventionen von außen. Dull trat offenbar aus Protest aus der Geschäftsführung aus, blieb aber Chefredakteur. Am Mittwoch wurde er gefeuert. Die Begründung: Er habe Details der geplanten Neustrukturierung öffentlich gemacht und mit seinen kritischen Äußerungen Anzeigenkunden verprellt. Dull erklärte nach seiner Kündigung, unabhängig könne ein Medium nur arbeiten, wenn keine "heimlichen Mächte von außen" Einfluss nähmen und keine "fremden politischen und ökonomischen Interessen" dominierten. Er hätte, sagte er den Kollegen auf einer emotionalen Abschiedskonferenz, die als Video im Internet zu sehen war, freiwillig gehen und schweigen sollen, aber er werde nicht schweigen. "Index ist eine mächtige Festung, die sie stürmen wollen." Mit "sie" meint Dull die Regierungspartei Fidesz und ihre Vertreter in den Medien. Die Redaktion stellte sich hinter ihren Ex-Chef und erklärte, der Rauswurf sei "inakzeptabel".

Am Donnerstag haben die ersten Kollegen aus Solidarität mit Dull gekündigt. Wie es mit Index weitergeht, ist unklar; die Stiftung und ein am Mittwoch bestellter, neuer Chefmanager betonen, man werde keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit nehmen. Szabolcs Dull orientiert sich derweil neu. Er hatte bis zum zweiten Wahlsieg Orbáns 2010 für einen öffentlich-rechtlichen Sender und später für die Nachrichten-Webseite Origo gearbeitet. Diese, vorher im Besitz der Telekom, war vor einigen Jahren an den Sohn des ungarischen Nationalbankchefs verkauft worden und berichtet seither äußerst regierungsfreundlich. Dull deutet nun an, selbst eine Webseite auf die Beine stellen zu wollen: "Was in den vergangenen Wochen geschah, überzeugt mich mehr denn je, dass Ungarn ein neues Medium braucht, dessen einziges Ziel es ist, die Leser zu informieren und frei und unabhängig zu arbeiten."

© SZ vom 24.07.2020

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