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Profil:Stefan Dräger

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Systemrelevanter Unternehmer aus Lübeck.

Von Elisabeth Dostert

Jede Krise hat ihre eigenen Helden, auch die Corona-Pandemie. Unternehmer, die Geräte für Intensivstationen, Atemschutzmasken, Schutzanzüge oder Desinfektionsmittel herstellen, sind plötzlich systemrelevant. Stefan Dräger, 57, ist einer von ihnen, aber er geriert sich nicht wie ein Held.

Der Mann ist Chef des Lübecker Familienunternehmens Dräger. Die Firma stellt Beatmungsgeräte und Atemschutzmasken her. Alles wird jetzt dringend gebraucht. Menschen, bei denen die durch das Virus Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit einen schweren Verlauf nimmt, sind auf Maschinen angewiesen, die für sie atmen. Manche brauchen die Geräte nur für ein paar Tage, andere für Wochen.

Die Nachfrage nach den Beatmungsgeräten ist so groß, dass sie alle Hersteller zusammen so schnell nicht erfüllen werden können. Allein die Bundesregierung hat bei Dräger 10 000 Geräte bestellt, die will das Unternehmen im Laufe des Jahres liefern und noch eine größere Menge ins Ausland. Dräger bekommt jetzt Anrufe von Menschen, die bis vor Kurzem den Firmennamen Dräger bestenfalls von Besuchen in Krankenhäusern kannten. Dort steht er auf vielen Geräten. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz rief an und der niederländische König Willem-Alexander. Auch das Weiße Haus habe die Kontakte des Unternehmens angefragt, erzählte Stefan Dräger der Zeitung Die Welt. Manchmal musste er "Nein" sagen. Das sei ihm "unheimlich" schwergefallen. "Wir sind uns unserer großen Verantwortung ja bewusst und sehen die Lage mit großer Demut und Sorge." Auch mit Stolz, das sagte Dräger vor ein paar Tagen dem Magazin Der Spiegel. Es ist wohl eine Mischung aus allem: Demut, Stolz, Sorge.

Vielleicht war die Verantwortung von Stefan Dräger nie größer. Verantwortung ist ein Wort, das er oft gebraucht und das so häufig auf der Internetseite vorkommt, dass es fast schon ein wenig abgenutzt wirkt. Die Firma trägt den Namen Drägers, aber noch mehr trägt Dräger den Stempel der Firma. Gut 71 Prozent der Stammaktien gehören der Familie Dräger, zu der Stefan Dräger gehört. Familienunternehmen sind ein typisch deutsches Wirtschaftskonstrukt. Schon im Wort prallen Welten aufeinander. Im Unternehmen geht es um die Sache, um Produkte und Dienstleistungen, um Effizienz. Familien werden im Idealfall nicht wegen kalkulierter Vorteile gegründet, es geht vor allem um Gefühle. Die Drägers scheinen die Kunst zu beherrschen, Familie und Firma in Einklang zu bringen. Immer führte einer aus der Familie die Firma.

Johann Heinrich Dräger hat sie 1889 mitgegründet, sein Partner schied später aus. 1902 kam der, wie es in der Chronik auf der Internetseite heißt, "weltweit erste Narkoseapparat für Sauerstoff und Chloroform auf den Markt, fünf Jahre später das weltweit erste Beatmungsgerät. Mit zweiten Plätzen geben sich die Drägers nicht zufrieden. Innovationen haben die Firma großgemacht. 2019 setzte sie mit weltweit 14 400 Beschäftigten 2,6 Milliarden Euro um. In den vergangenen Wochen hat der Aktienkurs kräftig zugelegt. Die Familie gehört zu den reichsten in Deutschland. In den vergangenen Wochen ist sie noch reicher geworden.

"Unsere Herkunft ist gleichzeitig unsere Zukunft", sagt Stefan Dräger, er steht für die fünfte Generation. Er hat Elektrotechnik studiert, seit 1992 arbeitet er in der Firma. Nach vielen Stationen im In- und Ausland wurde er 2005 Vorstandsvorsitzender. Das sei keine Belastung, sagte er vor Jahren einer Zeitung: "Das ist eine Ehre und es erfüllt mich mit Stolz, dass ich diese Verantwortung für eine gewisse Zeit tragen darf. Ich tue das mit Freude."

Das Unternehmen hat Kriege und Wirtschaftskrisen überlebt. "Gesunder Menschenverstand und Nächstenliebe sind jetzt noch wichtiger als Ingenieurskunst und viel Geld. Nur mit solchen menschlichen Tugenden werden wir zu richtigen Entscheidungen kommen", empfiehlt Dräger heute mit der Erfahrung von mehr als 130 Jahren.

© SZ vom 30.03.2020
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