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Wahl in Griechenland:Die Theodorakis-Show

Leader of the centre-left To Potami party Theodorakis holds pre-election material before a rally in Athens

Theodorakis ruft seine Wähler nicht zu sich, sondern kommt zu ihnen.

(Foto: REUTERS)
  • Der frühere TV-Journalist Stavros Theodorakis führt die kleine Partei To Potami in die Wahl.
  • Die erst 2014 gegründete liberale Partei des 52-Jährigen hat sich als Syriza und Neo Dimokratia als Koalitionspartner angeboten.
  • Bei der Wahl im Januar erreichte To Potami sechs Prozent. Im Moment liegt die Partei in den Umfragen bei fünf.

Sie sind zwei sehr unterschiedliche Protagonisten in diesem griechischen Wahlkampf: Links-Draufgänger Alexis Tsipras auf der einen Seite, 41 Jahre alt, Anführer von Syriza. Auf der anderen: Evangelos Meimarakis, der Parteisoldat der konservativen Nea Dimokratia, ein 61 Jahre alter Keine-Experimente-Politiker. Es heißt, die Wahl am Sonntag werde zwischen diesen beiden Männern entschieden.

Womöglich hat am Ende aber ein ganz anderer zu entscheiden, wer Griechenland regiert: Stavros Theodorakis. Der frühere TV-Journalist führt die kleine Partei To Potami in die Wahl. Übersetzt bedeutet ihr Name: der Fluss. Wenn nach der Wahl am Sonntag Stillstand herrschen sollte, weil keine der großen Parteien das Land alleine regieren kann und weil Tsipras eine große Koalition bereits ausgeschlossen hat, dann könnte Theodorakis Bewegung in die Verhandlungen bringen.

Alle großen Parteien des Landes haben die Bürger enttäuscht,

Die erst 2014 gegründete liberale Partei des 52-Jährigen hat sich als Koalitionspartner angeboten - beiden Lagern. Theodorakis wünscht sich eine stabile Regierung. Nach fünf Wahlen in sechs Jahren und einer Polarisierung, wie sie das Land lange nicht mehr erlebt hat, klingt das nach einem gar nicht so schlechten Angebot.

Theodorakis macht im Wahlkampf vieles anders als die Altparteien. Er bestellt seine Anhänger nicht zu sich, er kommt vorbei. Neulich machte er Station an einer Athener U-Bahnstation. Wie in seiner Zeit als Fernsehjournalist ging er mit dem Mikrofon auf die Leute zu. Nur stellte er keine Fragen, sondern gab die Antworten. Er moderierte seine eigene Theodorakis-Show. Ein paar Hundert Athener waren gekommen. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass eine Volkspartei wie die Nea Dimokratia bei ihrer Abschlusskundgebung den zentralen Omonia-Platz in Athen nur mit Mühe zu einem Drittel voll bekommen hat.

Alle großen Parteien des Landes haben die Bürger enttäuscht, indem sie falsche Erwartungen weckten. Das ist die Stimmung, in der Theodorakis sich entschieden hat, nicht mehr über Politik zu berichten, sondern selbst welche zu machen. Er kündigte, obwohl er zu den beliebtesten Fernsehjournalisten des Landes gehörte. In seiner Sendung "Protagonisten" brachte er Leute vor die Kamera, die sonst nicht die große Bühne bekommen: Roma, Prostituierte. Er spürte Menschenschmugglern nach und begleitete Kranke, die auf Spenderorgane warteten. Wenn es Kritik an seiner journalistischen Arbeit gab, dann allenfalls diese: Er gebe sich selbst als Protagonist ein bisschen viel Raum.

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Mehr als nur als ein guter Politik-Erklärer

Bei der Wahl im Januar erreichte To Potami sechs Prozent. Im Moment liegt die Partei in den Umfragen bei fünf. Seinem Publikum an der U-Bahn-Station sagt er: "Wählt uns jetzt. Wir sind noch unschuldig." Er könne nicht versprechen, dass das so bleibt. Macht korrumpiere.

Politisch steht To Potami in der Mitte. Das umstrittene dritte Rettungspaket trägt seine Partei voll mit. Theodorakis hält bewusst die Türen zu allen Seiten offen. Für Tsipras' Syriza kommt To Potami als Partner infrage, weil diese Partei nicht zum alten politischen System gehört. ND-Chef Meimarakis findet Anknüpfungspunkte in der Wirtschaftspolitik. Theodorakis will Firmen steuerlich besser stellen, je mehr Arbeitsplätze sie schaffen. Die am Boden liegende griechische Wirtschaft will er durch eine harte Privatisierungspolitik wieder auf die Beine stellen.

Auch wenn nach außen schnell der Eindruck entsteht, To Potami sei eine One-Man-Show: Die Wähler bekommen für ihre Stimme mehr als nur einen guten Politik-Erklärer. Für sein Team hat der Vorsitzende unter anderem Haris Theoharis gewonnen, einst oberster Steuereintreiber des Landes, der seinen Job verlor, weil er ihn zu ernst nahm. Theodorakis findet, Politik dürfe kein Beruf sein. Er hat sich ein Expertenteam zusammengestellt. "Wir sind keine Amateure", sagt er. Er wäre bereit zum Regieren.

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