Profil Sıla Gençoğlu

(Foto: DPA)

Türkischer Popstar und Opfer häuslicher Gewalt - die viele Frauen im Land trifft.

Von Christiane Schlötzer

Blaue Flecken an Beinen und Armen, Blut im Urin, Schwellungen und Schlagspuren im Gesicht, Ödeme unterm Knie. Der Arztbericht lässt ahnen, welches Martyrium die Türkin Sıla Gençoğlu erlebt haben muss. Sie selbst spricht von einer "vernichtenden Erfahrung, die augenblicklich alles auslöscht, was du im Leben erreicht hast". Sıla Gençŏglu - Künstlername einfach Sıla - ist ein türkischer Superstar, mühelos füllt sie Stadien. Auf Twitter hat Sıla fast sechs Millionen Follower. Das soziale Medium nutzte die 38-Jährige auch, um mitzuteilen, was ihr vor ein paar Tagen passiert ist, in der Villa ihres Lebensgefährten, des bekannten türkischen Schauspielers Ahmet Kural.

Es falle ihr schwer, die richtigen Worte zu finden, schrieb sie, "also sage ich es besser direkt: Ich bin Opfer häuslicher Gewalt geworden". Dabei habe sie in die Augen "aller Frauen geblickt, die Gewalt erleiden mussten", fügte Sıla hinzu. Und: Es sei nicht einfach, öffentlich darüber zu sprechen, "aber wenn ich jetzt schweige, dann verrate ich nicht nur mich, sondern alle Frauen dieses Landes".

Nun ist es so, als habe die Popsängerin mit ihrer Offenheit und ihrer Prominenz eine Art Welle ausgelöst. Die Familienministerin rief an und versicherte Sıla, sie stehe an ihrer Seite. In den sozialen Netzwerken dankten ihr bekannte und unbekannte Türkinnen für "beispielhaften Mut". Eine Frau drohte einer Bank mit einem Aufruf zum Kontenboykott, weil der Schauspieler Kural dort Werbung macht. Die Bank gab wegen ihrer "ethischen Grundsätze" jetzt die Trennung von ihrem bisherigen Imageträger bekannt.

In der Theorie haben die Frauen in der Türkei dieselben Rechte wie in der EU, Zivil- und Strafgesetzbuch wurden mehrfach reformiert. Aber allein im Oktober kamen 34 Frauen durch Gewalt zu Tode, Täter waren Ehemänner, abgewiesene Partner, Verwandte. Diese Statistik des häuslichen Horrors hat eine Anti-Gewalt-Plattform von Frauen zum Fall Sıla veröffentlicht. Die Regierung nannte eigene Zahlen: 20 tote Frauen pro Monat. Kritikerinnen sagen, diese Liste sei unvollständig, viele Fälle würden als Suizid getarnt. Sıla erklärte auch, sie wisse, dass keine Strafe dafür sorgen werde, dass "dieser Albtraum aus meinem Leben gelöscht wird", trotzdem habe sie sich entschlossen, ihr Recht vor Gericht zu suchen. Viele Gewaltexzesse kommen nie zur Anzeige. Ahmet Kural, der erst alles abstritt, und sich dann - womöglich nach Beratung mit seinem Anwalt - schriftlich bei Sıla "und allen Frauen" entschuldigte, bekam inzwischen ein dreimonatiges Kontaktverbot. Dass es so etwas gibt, wissen viele gar nicht. Aktivistinnen twitterten, "Frauen, merkt Euch das Gesetz 2684".

Sıla Gençoğlu wurde 1980 in Denizli geboren. Sie war Produzentin, Liedtexterin und Backgroundsängerin, bevor sie 2007 ihr erstes eigenes Album veröffentlichte. Eine daraus ausgekoppelte Single wurde im selben Jahr zum Hit, der Videoclip dazu gehörte zu den meistgespielten - der Beginn einer steilen Karriere. Nach dem Putschversuch von 2016 wurde der Popstar mit der starken Bühnenpräsenz auch zu einer Großkundgebung mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eingeladen. An dieser "Show" aber wollte sie nicht teilnehmen. Daraufhin sagten von der Erdoğan-Partei AKP regierte Kommunen Sıla-Konzerte ab, die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen "Herabsetzung der türkischen Nation" ein. Im Februar 2018 sperrte der Staatssender TRT sechs ihrer Songs, ohne Angabe von Gründen.

Nun meldete sich die islamistische Zeitung Akit, sie kritisierte die Sängerin, weil sie unverheiratet mit einem Mann zusammengelebt habe. Akit warf auch noch der Ministerin, die Sıla zur Seite stand, vor, sie habe sich "nicht wie eine Familien-, sondern wie eine Frauenministerin" betragen - für das Islamistenblatt ist das offenbar ein Widerspruch. Sıla dagegen tat noch mehr für die Aufklärung, sie schrieb: Gewalt habe "mit Liebe nichts zu tun".