
Eigentlich hatte Sebastián Piñera den Chilenen bessere Zeiten versprochen, damals, im Wahlkampf 2017, als er antrat, um zum zweiten Mal Präsident seines Landes zu werden. Die Wahlen gewann er, allein Piñeras Versprechen löste sich für viele Menschen nicht ein. Und auch für den Präsidenten wurden die Zeiten nicht besser, sondern eher schwieriger. Seit mehr als einer Woche gehen Hunderttausende in seinem Land gegen ihn und seine Politik auf die Straße. Es sind die größten Proteste, die es in der Geschichte Chiles je gegeben hat. Die Menschen demonstrieren gegen niedrige Renten und hohe Studiengebühren, gegen soziale Ungleichheit und auch gegen eine Elite, von der sie sich ausgebeutet fühlen - und zu der sie nicht zuletzt auch ihren Präsidenten zählen.
Tatsächlich ist Miguel Juan Sebastián Piñera Echeñique nicht nur Politiker, sondern vor allem auch Unternehmer. Mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 2,7 Milliarden Dollar gehört der 69-Jährige zu den reichsten Männern Chiles. Piñera stammt dabei aus einer Familie, die seit jeher Politik mit Geschäften verbunden hat. Sein Bruder war Arbeits- und Bergbauminister unter der Pinochet-Diktatur, Piñeras Vater wiederum war erfolgreicher Ingenieur, Gründer der Christdemokratischen Partei Chiles und Botschafter seines Landes. Piñera verbrachte darum einen Teil seiner Kindheit in Belgien, nach der Rückkehr der Familie nach Chile studierte er Wirtschaftswissenschaften und schloss als Jahrgangsbester ab. Mit einem Stipendium ging er nach Harvard, wo er 1973 den Putsch gegen Salvador Allende erlebte. 1976 kehrte Piñera nach Chile zurück und legte dort den Grundstein für sein Vermögen.
Piñera begann, Geschäfte mit Immobilien zu machen und Kreditkarten in Chile einzuführen. Anfang der 1980er-Jahre gründete er Firmen, die zeitweise zu den größten Ausstellern von Kreditkarten in Chile wurden. In den 90ern stieg Piñera als Aktionär bei der Fluglinie LAN ein und baute deren Geschäft aus, 2004 kaufte er den Fernsehsender Chilevisión und 2006 wurde er Hauptaktionär bei Colo-Colo, einem der beliebtesten Fußballklubs des Landes. Gleichzeitig arbeitete Piñera schon seit den frühen 90er-Jahren an seiner politischen Laufbahn. Weil er die Wirtschaftspolitik der von seinem Vater mitbegründeten Christdemokratischen Partei für veraltet hielt, trat Piñera der Renovación Nacional bei, einer rechtskonservativen Partei, die treu zum Diktator Augusto Pinochet stand. Piñera selbst hat dessen Menschenrechtsverbrechen verurteilt, die Wirtschaftspolitik aber gelobt.
2010 gewann er in der zweiten Runde die Präsidentschaftswahlen. Zum ersten Mal seit 1958 kam in ihm ein rechter Politiker durch demokratische Wahlen in den Präsidentenpalast La Moneda. Am Tag seiner Amtseinführung wackelte die Erde, buchstäblich, es war ein Nachbeben jener Katastrophe, die zuvor Teile des Landes verwüstet hatte. Unter Piñera wuchs die Wirtschaft, aber auch schon in seiner ersten Amtszeit gab es Massendemonstrationen, damals vor allem noch von Studenten, die gegen die hohen Studiengebühren auf die Straße gingen. Nach einer verlorenen Wahl gegen seine Amtsvorgängerin Michelle Bachelet trat Piñera 2017 abermals an und gewann, allerdings beteiligten sich damals weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten.
Wie sehr sich Politik und Volk mittlerweile voneinander entfremdet haben, zeigt sich nun in der aktuellen Krise. Noch Anfang Oktober sagte Piñera, Chile sei eine "wahrhafte Oase" in Lateinamerika. Wenige Tage später erklärte er dann die Ausnahmesituation und ließ Soldaten durch die Straßen Santiagos patrouillieren. Die Massenproteste wuchsen dennoch, und Piñeda hat nun sein gesamtes Kabinett zum Rücktritt aufgefordert. Ob das den Zorn der Menschen beruhigen kann, wird sich zeigen. Viele der Demonstranten fordern umfassende Reformen - und dazu auch den Rücktritt ihres Präsidenten.