Profil Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht war mit vor Kurzem noch Einzelkämpferin mit wenig Hausmacht in ihrer Partei.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Die 47-jährige Spitzenkandidatin wird zur Schlüsselfigur der Linken.

Von Constanze von Bullion

Wäre Sahra Wagenknecht Rennfahrerin, müsste man ihre Position inzwischen wohl als pole position bezeichnen, als optimalen Startplatz ins Wahljahr 2017. Die 47-Jährige, die bei vielen lange nur als sozialistische Krawallnudel galt, ist Schlüsselfigur der Linken geworden, nicht nur zur Freude ihrer Genossen. Jetzt hat sich die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag mit ihrem Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl küren lassen. Wagenknecht und Bartsch erklärten ultimativ, sie würden nur im Zweier-Pack linke Spitzenkandidaten - oder gar nicht. Die Parteioberen schimpften über ein so erpresserisches Diktat, nickten die Sache dann aber ab. Auch weil an Wagenknecht jetzt keiner mehr vorbeikommt in der Linken.

Das ist erstaunlich, denn vor einem Jahr stand die Finanzexpertin noch als Einzelkämpferin mit wenig Hausmacht da. Sie galt als Wortführerin der ganz Linken in der Linken, jedenfalls wurde sie lange für ganz links gehalten. Fraktionschef Gregor Gysi wollte sie, die Europakritikerin, als Nachfolgerin unbedingt verhindern. Nach einer Sitzung, bei der Wagenknecht nicht zu Wort kam, erklärte sie wütend, sie wolle nicht mehr Fraktionschefin werden und lese lieber Hegel, als in Gremien zu sitzen. Am Ende aber bat man sie doch, die Fraktion zu führen. Der Realo Bartsch brauchte für die Doppelspitze eine Frau vom linken Flügel an seiner Seite. Das wurde zu Wagenknechts Lebensversicherung. Ohne sie ist Bartsch nichts, und umgekehrt.

Also lässt man einander gewähren. Das erklärt auch, warum die Volkswirtin Wagenknecht nicht nur gegen Reiche und Banken stänkern darf, sondern auch ungestraft gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Wagenknecht hält sie für gefährlich und warnt in nahezu jeder Rede, günstige Wohnungen und Jobs für Einheimische würden knapp, wenn der Staat hier nicht mehr investiere. In der Partei hat sie sich damit echte Feinde gemacht. Wo jeder Appell an Solidarität mit Fremden fehle, werde Ressentiment geschürt, halten Kritiker ihr vor und fordern mehr Distanz zu Rechtspopulisten. Wagenknecht ficht das nicht an. Zuletzt lobte sie - wie ihr Mann Oskar Lafontaine - sogar den künftigen US-Präsidenten Donald Trump für sein geplantes Investitionsprogramm.

Wagenknecht ist eine, die sich furchtlos gibt, sie zündelt gern mal, hat Rückhalt an der Basis - und hält Krach mit Parteifreunden aus. Weil sie zum Autismus neige, sagen Gegner. Weil sie, so hat Wagenknecht es selbst mal erklärt, früh gelernt habe, allein klarzukommen. Sie ist bei ihren Großeltern bei Jena aufgewachsen, als die Mutter in Berlin studierte, blieb ein Paradiesvogel auf dem Dorf, in der DDR, später im Bundestag. Dort schlägt die Union verlässlich Radau, wenn Wagenknecht ans Mikrofon tritt. Aber wenn SPD und Grüne sich fragen, was 2017 geht bei Rot-Rot-Grün, heißt die nächste Frage jetzt immer: Was geht mit Wagenknecht? Sie bestimmt jetzt die Preise.