Profil Ruth Beckermann

(Foto: imago)

Filmemacherin und engagierte Kritikerin der österreichischen Regierung

Von Susan Vahabzadeh

Ruth Beckermann ist Spezialistin darin, Dinge ans Licht zu zerren, die andere lieber unter den Teppich gekehrt hätten. Ihren bislang größten Erfolg als Dokumentarfilmerin hatte sie 1996 mit "Jenseits des Krieges", in dem sie Besucher der Wehrmachtsausstellung erzählen ließ. Die meisten in der Ausstellungshalle waren als Soldaten im Zweiten Weltkrieg dabei, sind also Augenzeugen. Aber sie wollen nicht alle gesehen haben, was die Ausstellung dokumentiert. Wendet sich einer an Beckermann und bestätigt das, was er an den Wänden sieht, erzählt beispielsweise von den Erschießungen russischer Kriegsgefangener, findet sich bald ein anderer, der sich einmischt und sagt: Das waren nur Einzelfälle. Ruth Beckermann zwingt ihren Protagonisten in "Jenseits des Krieges" keine Haltung auf; sie bleibt stille Beobachterin und lässt die Menschen erzählen.

Im Forum bei der Berlinale hatte nun ihr neuer Film "Waldheims Walzer" Premiere - über ein anderes Stück Geschichte, das viele gern vergessen würden. Über Kurt Waldheim, über dessen Zeit in der Wehrmacht 1986 international diskutiert wurde, als er für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte. Waldheim war damals am Ende seiner politischen Karriere, zuvor schon österreichischer Außenminister und UN-Generalsekretär gewesen. Jenen anderen Teil seiner Biografie ließ er selbst am liebsten weg. Mehrere Zeitungen und der Jüdische Weltkongress warfen Waldheim die Beteiligung an Kriegsverbrechen vor; eine Historikerkommission befand später, so sei es nicht gewesen. Wie viel Antisemitismus damals sichtbar und hörbar wurde, als ein Teil der Bevölkerung Waldheim vehement verteidigte, hat Beckermann irritiert. Die Waldheim-Affäre war maßgeblich geprägt von der Auseinandersetzung mit Österreichs Anteil an der Geschichte des Dritten Reichs. Beckermann hat die Proteste gefilmt; aus eigenen Aufnahmen und Archivmaterial ist nun "Waldheims Walzer" entstanden.

Ruth Beckermann wurde 1952 in Wien geboren, ihre Eltern sind Holocaust-Überlebende, sie studierte in Tel Aviv Publizistik und danach in New York Fotografie, aber sie kehrte doch immer wieder nach Wien zurück. Dabei muss die Kindheit als Jüdin im Wien der Nachkriegsjahre bestimmt gewesen sein von einem Gefühl der Unzugehörigkeit. "Unzugehörig" heißt auch eines ihrer Bücher. Aber wer nicht dazugehört, kann besser beobachten als die anderen.

"Waldheims Walzer" kommt nun in einem Moment auf die Leinwand, in dem in Österreich wieder ähnliche Diskussionen geführt werden wie Ende der Achtzigerjahre: Die FPÖ ist Teil der Regierung und sieht sich momentan dazu gezwungen, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu befassen - wieder wurde eine Historikerkommission beauftragt, diesmal soll sie die Geschichte der Freiheitlichen Partei aufarbeiten. Ruth Beckermann findet schon deren Gegenwart schlimm genug; wie sich die konservative ÖVP vom Koalitionspartner die Themen diktieren lässt, beispielsweise. Mit der Arbeit an dem Waldheim-Film hatte sie begonnen, lange bevor die derzeitige österreichische Koalition an der Regierung war. Nun hat sie zusammen mit anderen Filmschaffenden die Protestaktion "#KlappeAuf" initiiert, der sich 600 Kollegen angeschlossen haben. Die Künstler wenden sich gegen die Entsolidarisierung. Sie wollen durchaus diskutieren, aber weniger giftig als bislang. Außer Beckermann sind unter anderem die Filmemacher Ulrich Seidl, Barbara Albert und Jessica Hausner dabei. Die österreichische Regierung wird im Manifest der Gruppe dazu aufgerufen, die Zusammenarbeit mit rechtsextremen Burschenschaften zu beenden. Ob dieser Aufruf Folgen haben wird, weiß man nicht - aber der österreichische Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) hat sich "Waldheims Walzer" bei seinem Berlinalebesuch angesehen. Er sagte, er könne den Film empfehlen.