Profil Roni Alsheich

(Foto: Gali Tibbon)

Israels Polizeichef legt sich mit Benjamin Netanjahu an - das kostet ihn seinen Job.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Vor exakt drei Jahren heftete ihm Premierminister Benjamin Netanjahu persönlich die Abzeichen an die Schulterklappe, die Roni Alsheich als neuen Polizeichef Israels auswiesen. Damals war für den Politiker des rechten Likud offenkundig nicht absehbar, dass er mit Alsheich keinen treu ergebenen Gefolgsmann für diesen wichtigen Posten auserkoren hatte, sondern jemanden, der ernst meinte, was er bei seiner Ernennung sagte: "Ich stehe nicht auf der linken oder rechten Seite, sondern auf jener des Gesetzes."

Das bekam Netanjahu rasch zu spüren, denn der Polizeichef erlaubte nicht nur Ermittlungen gegen den Regierungschef wegen Korruptionsverdacht in mehreren Fällen, sondern ließ ihn auch mehr als zehn Mal vernehmen. In einem Fall geht es um Geschenkannahmen, in zwei anderen Fällen um positive Berichterstattung im Austausch für Gefälligkeiten. In allen drei Fällen gibt es nach Erkenntnissen Alsheichs genügend Beweise für Untreue, Bestechung und weitere Delikte. Seine letzte Empfehlung gab Alsheich am Sonntag ab - dies war auch sein letzter Arbeitstag.

Dass ihn der Regierungschef schnellstmöglich loswerden will, war spätestens seit Februar abzusehen, als Alsheich die ersten Anklage-Empfehlungen an den Generalstaatsanwalt weiterreichte, bei dem nun die Letztentscheidung liegt. Als durchsickerte, dass ihm die sonst übliche Verlängerung für zumindest ein viertes Jahr versagt bleiben würde, erklärte der 55-Jährige öffentlich: Wenn er dafür seine Werte aufgeben müsse, dann verzichte er ohnehin lieber. Ein weiteres Mal trat der ansonsten zurückhaltende Alsheich im Frühjahr an die Öffentlichkeit: "Sehr mächtige Kräfte" hätten Privatdetektive angeheuert, die rund um die Ermittler in der Causa Netanjahu herumschnüffelten. Wer mit "sehr mächtig" gemeint war, musste der Polizeichef nicht erklären.

Als Großinquisitor und Linksputschist wurde er von Netanjahu und seinen Anhängern beschimpft. Dabei würde Alsheich als Galionsfigur für die Siedlerbewegung taugen: Der Sohn eines jemenitischen Einwanderers und einer Mutter mit marokkanischen Wurzeln wuchs zuerst in Jerusalem auf, verbrachte aber vom achten Lebensjahr an seine Zeit in Kirjat Arba, einer Hochburg der radikalen Siedlerbewegung bei Hebron im Westjordanland. Später lebte er in der Siedlung Kochav Shachar im Westjordanland, inzwischen hat sich der Vater von sieben Kindern mit seiner Frau in einer religiösen Gemeinschaft in Israels Zentralraum angesiedelt. Alsheich ist orthodox, sein Markenzeichen ist die gehäkelte Kippa, über die er nur selten eine Polizeikappe stülpt.

Im Inlandsgeheimdienst Schin Bet, wo er es bis zum stellvertretenden Leiter brachte, hatte er den Spitznamen "Bar-Mizwa". Das war auch eine Anspielung darauf, dass er wie ein Junge wirkt - und daher oft unterschätzt wird. Der bullige Schnauzbartträger gilt als gutmütig, bis man ihn reizt. Dass er intelligent ist, zeigte sich schon in seiner Kindheit. Insgesamt drei Klassen durfte er überspringen, mit 16 Jahren hatte Alsheich seinen Schulabschluss. Sein Politikwissenschaftsstudium an den Universitäten Haifa und Tel Aviv schloss er mit summa cum laude ab und absolvierte noch weitere Studien in Kriminologie und Management in Israel und den USA. Nebenbei studierte er an einer bekannten Religionsschule in Jerusalem.

Das Militär verließ Alsheich mit dem Rang eines Majors, ehe er 1988 zum Geheimdienst wechselte. Dort löste er auch knifflige Fälle, was ihm seinen zweiten Spitznamen "Fuchs" einbrachte. Als Polizeichef hat er sich zum gefährlichsten Widersacher Netanjahus entwickelt, der im politischen Bereich keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten hat. Was er in Zukunft machen wird, weiß Alsheich noch nicht. Denn Netanjahu hat sein Versprechen, ihn nach dem Polizeidienst an die Spitze des Inlandsgeheimdienstes zu hieven, nicht eingelöst.