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Profil:Rikako Ikee

(Foto: Du Xiaoyi/Reuters)

Schwim­merin und Botschafterin für Olympia.

Von Thomas Hahn

Den Sport soll keiner unterschätzen, auch nicht in Zeiten der Pandemie. Das ist die Botschaft der japanischen Schwimmerin Rikako Ikee für diese Juli-Tage, die ursprünglich mal die ersten der Olympischen Spiele 2020 in Tokio hätten sein sollen. Sie war die Rednerin in einem Video, welches das Organisationskomitee genau ein Jahr vor der verlegten Eröffnung des Mammutereignisses veröffentlichte. Rikako Ikee stand allein im dunklen Olympiastadion von Tokio. Sie trug das matt flackernde olympische Feuer in einer Lampe. Und sie sprach mit freundlicher Entschlossenheit. "Ich verstehe, dass es Leute gibt, die das Gefühl haben, dass es nicht die richtige Zeit sei, über Sport zu sprechen, wenn die Welt eine so schwierige Zeit durchmacht", sagte sie, "aber was wir im Kampf gegen die Schwierigkeiten am meisten brauchen, ist Hoffnung."

Rikako Ikee, 20, ist die Botschafterin der Olympischen Spiele, die wegen des Coronavirus gerade nicht stattfinden können. Eine glaubwürdigere Besetzung für die Rolle hätte man nicht finden können. Denn das Unglück, von einer Krankheit plötzlich aus dem Alltag gerissen zu werden, hat Rikako Ikee schon vor eineinhalb Jahren verarbeiten müssen. Sie ist eine der begabtesten Schwimmerinnen, die es in Japan je gab. Juniorenweltmeisterin. Juniorenweltrekordlerin. Bei den Asien-Spielen 2018 in Jakarta gewann sie sechs Goldmedaillen über verschiedene Strecken der Techniken Freistil und Schmetterling. Sie war eine Hoffnung für Olympia in Tokio. Aber dann musste sie das Wintertrainingslager in Australien abbrechen. Am 12. Februar 2019 meldete sie über die sozialen Medien: "Ich bekam eine Diagnose namens Leukämie."

Die Krankheit werde heilen, "wenn man sie richtig behandelt", schrieb sie damals. Und sie verabschiedete sich mit der Versicherung in die Krebstherapie, dass sie es sich gut gehen lassen werde. So einfach wird es nicht gewesen sein. "An meinem tiefsten Punkt wollte ich sterben", sagt Rikako Ikee. Allerdings sagt sie auch, dass sie den Gedanken an den Tod mittlerweile bereue. Der Weg aus der Krise war für sie eigentlich wichtiger als die Krise selbst. Die Hoffnung, wieder schwimmen zu können, scheint dabei ein wichtiger Antrieb gewesen zu sein. Wasser ist für sie so etwas wie ein zweiter Lebensraum. Ihre Mutter brachte sie im Juli 2000 im Tokioter Bezirk Edogawa bei einer Wassergeburt zur Welt. Als Dreijährige lernte sie schwimmen. Als Fünfjährige konnte sie schon eine volle 50-Meter-Bahn in jeder üblichen Schwimmtechnik zurücklegen. Als sie im März dieses Jahres nach 406 Tagen an Land wieder in ein Becken tauchen durfte, meldete sie: "Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich ich bin."

Die Geschichte einer Genesung ist wahrscheinlich genau das, was die Welt gerade braucht. Die Sportwelt braucht sie auf jeden Fall. Die Unsicherheit ist groß. Athletinnen und Athleten wissen nicht genau, wofür sie trainieren. Die Pandemie ist im vollen Gange, auch die verlegten Sommerspiele sind in Gefahr und damit das Ereignis, von dem ihre Karrieren abhängen. Rikako Ikees Zuversicht ist da ein Trost. Die amerikanische Olympiasiegerin Katie Ledecky hat in der Nachrichtenagentur Kyodo gesagt: "Ich glaube, sie hat viele jenseits ihres Landes inspiriert, und die Schwimm-Gemeinde als Ganzes."

Die Gelobte gibt sich Mühe, ihrer Sache nützlich zu sein. Mancher Mediziner befürchtet schon, die vielen Interviews und Sponsorenaufritte könnten sie überanstrengen. Und Rikako Ikee selbst achtet darauf, dass ihre Rückkehr ins Rampenlicht nicht falsch verstanden wird. Sie schwimme derzeit "auf dem Niveau, das ich in der siebten oder achten Klasse hatte". Die Weltklasse-Form früherer Tage ist also noch weit weg. Immerhin, sie trainiert. Im Oktober will sie bei Hochschulmeisterschaften ein Comeback versuchen. Olympia in Tokio nächstes Jahr? Steht nicht auf ihrem Plan. Sie ist klug, sie will nichts überstürzen. Ihr Ziel sind die Spiele in Paris 2024.

© SZ vom 27.07.2020

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