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Profil:Richard Grenell

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

US-Botschafter, den Berlin kaum vermissen wird.

Als sich Richard Grenell vor ein paar Tagen auf Twitter in ein Scharmützel mit dem Senator für Jugend und Soziales der Hansestadt Rostock, dem Linken-Politiker Steffen Bockhahn, begab, ahnte er womöglich schon, dass sein Boss ihn für Höheres ausersehen hatte. Grenell, von Amts wegen Botschafter der USA in Deutschland, formulierte in einem einzigen Satz eine Art Generalabrechnung. "Sie wünschen sich USA", twitterte der 53-Jährige , "die Sie nicht zur Zahlung ihrer Nato-Pflichten drängen, wegschauen, wenn Sie zu viel russisches Gas kaufen, nicht zwingen, Ihren in New York lebenden Nazi-Gefängniswärter zurückzunehmen, Ihre höheren Autozölle akzeptieren und trotzdem noch 50000 Soldaten in Ihr Land schicken". Die Wortmeldung ist nicht untypisch für das Wirken jenes Mannes, den US-Präsident Donald Trump nun zum kommissarischen Geheimdienstkoordinator berufen hat. Stets belehrend, oft aggressiv und häufig beleidigt, hinterließ Grenell in Berlin diplomatisch eine Spur der Verwüstung.

Schon kurz nach der Ankunft attestierte ihm der einstige SPD-Chef Martin Schulz, er führe sich auf wie ein "rechtsextremer Kolonialoffizier". Sahra Wagenknecht von der Linken und Wolfgang Kubicki von der FDP forderten seine Ausweisung, "diplomatischer Totalausfall" gehörte noch zu den freundlicheren Beschreibungen. Vermutlich war das ein Start nach dem Geschmack von Donald Trump, der schon lange fand, dass Deutschland zu viel Geld mit Autos verdient und zu wenig davon in Panzer und Kampfflugzeuge investiert. Trump wollte jemanden, der den Deutschen Bescheid stößt. Er fand Grenell.

Mit Auftritten beim Fernsehsender Fox News hatte sich der Republikaner, der einst auch für den Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney gearbeitet hatte, als ein loyaler Gefolgsmann empfohlen. Für Grenell sprach wohl auch, dass er zwar als Sprecher der US-Botschaft bei den Vereinten Nationen Erfahrung in der internationalen Politik gesammelt hatte, aber keinerlei Neigung zu diplomatischen Umgangsformen hatte erkennen lassen. So gab Grenell zu Beginn seiner Berliner Botschafterzeit ausgerechnet dem rechtspopulistischen US-Portal Breitbart ein Interview, in dem er ankündigte, er wollte "Konservative in ganz Europa stärken". Auch die Tatsache, dass er sich als Fan des damals in einer Koalition mit den rechten Freiheitlichen regierenden Österreichers Sebastian Kurz zu erkennen gab, erwies sich in Berlin nicht als Türöffner. Anfangs gab es noch Fotos wie das von Grenell mit seinem Partner Matt Lashey, Hund Lola und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Später eher nicht mehr. In kürzester Zeit brachte es der Botschafter in Berlin zu phänomenaler Unbeliebtheit.

Scheinbar unbeeindruckt davon pflügte Grenell mit Tweets, Briefen und Stellungnahmen durch die politische Landschaft. Herrisch forderte er das Ende von Geschäftsbeziehungen mit Iran, verlangte er die Einhaltung des Zwei-Prozent-Ziels der Nato, die Aufgabe der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 und den Ausschluss Chinas vom Aufbau des 5G-Netzes. In Deutschland war das eher kontraproduktiv; bei Trump kam es an. In dessen Auftrag betätigte sich Grenell zuletzt auch als Vermittler zwischen Serben und Kosovaren.

Mitunter tat Grenell allerdings auch, was normale Botschafter tun. Regelmäßig lud er etwa Wirtschaftsleute und Abgeordnete zum Gespräch. Wobei diese allerdings nur selten den Eindruck gewannen, dass Grenell interessierte, was sie zu sagen haben. "Die Amtszeit von Grenell markiert einen Tiefpunkt in den deutsch-amerikanischen Beziehungen", resümiert der außenpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Nils Schmid. Er hoffe auf einen Nachfolger, der sich nicht nur als "Lautsprecher des Präsidenten" verstehe, sondern auch Meinungen und Einschätzungen aus Deutschland nach Washington transportiere.

© SZ vom 21.02.2020
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