Profil Phoebe Waller-Bridge

(Foto: FREDERICK M. BROWN/AFP/GETTY)

Das britische Fernsehen hat einen unkonventionellen neuen Superstar.

Von Cathrin Kahlweit

In Großbritannien scheiden sich die Geister, ob die Serie "Fleabag", ein absoluter Renner in der BBC, großartig oder einfach nervtötend war. Die Heldin, gespielt von Phoebe Waller-Bridge, ist eine chaotische junge Frau aus London, sexuell hochaktiv, der nichts gelingen will, die in jedes Fettnäpfchen tritt, sich über ihre Missgeschicke totlacht - und so ziemlich das Gegenteil jedes Role Models in der Film- und Fernsehwelt ist. Waller-Bridge ist nicht nur eine spektakuläre Hauptdarstellerin, sondern hat die Geschichte auch erfunden und geschrieben - erst als Stand-up-Comedy-Nummer für ein Festival in Edinburgh, dann als Drehbuchadaption für das Fernsehen. Sie hat damit im Frühjahr nicht nur in New York im permanent ausverkauften SoHo Playhouse brilliert, sondern tritt auch im Herbst in London auf; die Karten waren im Nu weg.

An diesem Wochenende, als in der Royal Festival Hall die TV-Baftas, die britischen Fernsehpreise, vergeben wurden, räumten zahlreiche Künstlerinnen ab; überhaupt war der Abend ein Triumph kreativer Frauen. Aber eine stand gefühlt immer im Mittelpunkt, als Star hinter mehr als einer Produktion: Multitalent Phoebe Waller-Bridge. Sie hatte nämlich auch das Drehbuch für die Serie "Killing Eve" geschrieben, die den Preis für das beste Drama bekam und 2018 das war, was man früher einen Straßenfeger genannt hat: Eine unerfahrene Agentin des MI5 jagt eine psychopathische Serienkillerin und verstrickt sich in einem internationalen Spionagenetzwerk.

Die Serie war auch in den USA ein Hit, nicht zuletzt wegen der knappen, teils sarkastischen, immer geistreichen Dialoge. Auch hier wieder: Die tragenden Rollen haben Frauen. Als Waller-Bridge, lässig und fröhlich wie immer, in einem so spektakulären wie schlichten, grauen Kleid und mit knallrotem Lippenstift, bei der Preisverleihung hörte, dass Killing Eve das bekommt, was auf dem umkämpften britischen Markt quasi der Oscar für den besten Fernsehfilm ist, rief sie erst einmal begeistert und laut "fuck". Die BBC legte bei der Ausstrahlung einen Piepser drüber; Ordnung muss sein, auch wenn es in den Scripts von Waller-Bridge in der Regel eher unordentlich zugeht.

Sie hat ein Faible für das Unkonventionelle und gilt als Frau, die gern lacht, sich selbst hochnimmt und im Kopf so schnell ist, dass ihre Gesprächspartner oft nicht mehr mitkommen. Der Guardian beschreibt sie als im positiven Sinne schamlos; sie erfinde Charaktere, die das Unsagbare sagten und das Unmachbare machten - und sie widerlege jedes Stereotyp von weiblichem Verhalten. Die Künstlerin beschreibt ihre Arbeit in Interviews so: "Ich schreibe das, was ich auch selbst sehen will. Ich befriedige meinen eigenen Appetit. Ich glaube, ich mag übergriffige Frauen. Freundschaft. Und Schmerz."

Sie wolle Frauen zeigen, die ihre Bedürfnisse ausleben und ihre Not offenlegen. "Wir machen Frauen immer zu Objekten. Ich will Geschichten erzählen von Frauen, die nett sein können; aber sie haben eben auch dunkle Flecken in ihrer Seele, und die sind so neurotisch und abstoßend, wie sie bei vielen Menschen nun mal sind." Männer, glaubt sie, litten genauso unter dem Klischee vom starken Geschlecht wie Frauen darunter, dass sie immer brav und angepasst zu sein hätten. Sie selbst hat sich das nie zu eigen gemacht. Vielleicht ist deshalb eine der von Frauen am meisten zitierten Szenen aus Fleabag jene, in der sie im Bett neben ihrem Freund liegt und sich während einer Rede von Barack Obama selbst befriedigt. Muss man mögen, aber es ist mutig.

Sie ist erst 33, hat aber schon als Kind, in einem behüteten Elternhaus, damit begonnen, Theater zu spielen und zu schreiben. Ihre Geschwister sind ebenfalls Künstler, manchmal arbeiten sie zusammen. Mittlerweile ist sie ein Superstar im Königreich. Und sagt doch, in ihrer schnellen, unbedingten Art: "Ich bin gern wütend. Viele gute Sachen entstehen aus Empörung und Wut."