Süddeutsche Zeitung

Profil:Osman Kavala

Der türkische Philanthrop ist seit zwei Jahren in Haft.

Von Christiane Schlötzer

Zuletzt hat man Osman Kavala nur noch im Gerichtssaal eines türkischen Hochsicherheitsgefängnisses gesehen - als Angeklagten. Schlank, groß, grauhaarig, mit geradem Rücken stand er vor dem Richtertisch. Und wurde wieder abgeführt, über eine Rampe hinaus aus dem 1000 Quadratmeter großen Saal, direkt in den Untergrund des Gefängniskomplexes. Der Abgang erinnerte an eine Bühnenshow. Das passte gut zu diesem Prozess, der wie eine politische Farce wirkt.

"Es schmerzt zu erkennen, dass ein Staat keinen Wert auf die Freiheit seiner eigenen Bürger legt", schrieb Kavala, der türkische Kulturmäzen und Unternehmer, an seine Freunde und Helfer. Da war er gerade ein Jahr in Untersuchungshaft. Mittlerweile sind es 776 Tage. Mitgezählt haben am Montag in Ankara der deutsche und der französische Botschafter. Anlass war die Verleihung eines Preises, der gemeinsam von beiden Ländern vergeben wird, weltweit an 15 Personen, die sich im praktischen Einsatz für Rechtsstaat und Menschenrechte verdient gemacht haben. In diesem Jahr wird die Türkin Asena Günal geehrt, als "beispielhafte, dynamische Vertreterin der türkischen Zivilgesellschaft". Günal, 46, ist die engste Mitarbeiterin von Kavala, als Geschäftsführerin der von ihm 2002 gegründeten Stiftung Anadolu Kültür. Die Stiftung ist weiterhin aktiv. Günal holt sich bei regelmäßigen Besuchen im Gefängnis von Silivri - 70 Kilometer von Istanbul entfernt - Kavalas Arbeitsaufträge.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat Kavala einst - und dies sollte abschätzig klingen - den "Soros der Türkei" genannt, weil der ähnlich wie der US-Milliardär Bürgerrechtsorganisationen unterstützt. Seine Stiftung fördert Kunstprojekte für Kurden und Flüchtlingskinder aus Syrien, ein armenisch-türkisches Jugendorchester, Ausstellungen zur Vertreibung der Griechen. Kavalas Vater wurde im Tabakhandel reich. Nach dessen Tod 1982 übernahm der Sohn die Geschäfte, darunter auch Bergwerke und Immobilien. Aus dem aktiven Geschäft zog er sich später zurück und wurde hauptberuflich Philanthrop.

Die 657 Seiten starke Anklageschrift wirft Kavala vor, die Gezi-Proteste 2013 finanziert zu haben. Die galten anfangs der Rettung eines kleinen Istanbuler Parks, entwickelten sich aber zu den größten Protesten gegen die Regierung Erdoğan, die es je gab. Kavala hat stets bestritten, sie finanziert zu haben. Mitangeklagt - aber auf freiem Fuß - sind 15 Akademiker, Architekten, Schauspieler, die mit Kavala verbunden sind, darunter auch die jetzt mit dem Preis geehrte Asena Günal. Allen drohen jeweils bis zu 30 Jahre Haft.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat vergangene Woche die lange Untersuchungshaft für Kavala scharf verurteilt. Offensichtlich, so das Gericht, solle hier ein Menschenrechtsverteidiger zum Schweigen gebracht werden. Die Türkei muss als Mitglied des Europarats Urteile des Gerichts eigentlich befolgen, sie hat in anderen Fällen aber schon Ausflüchte gefunden. Der Prozess gegen Kavala wird am 24. Dezember fortgesetzt.

Es ist nicht bekannt, ob das Gericht dieses Datum gewählt hat, um internationale Beobachter fernzuhalten. Bislang folgten stets Vertreter zahlreicher europäischer Botschaften den Verhandlungen. Kavala war Kooperationspartner des Goethe-Instituts und anderer internationaler Kulturinstitutionen. Prominente Türkei-Besucher, auch Kanzlerin Angela Merkel, suchten gern das Gespräch mit ihm.

Zwischen den Prozesstagen liegen stets viele Wochen. Nach der Verhandlung im Oktober trat Kavalas Ehefrau Ayşe Buğra, eine Wirtschaftsprofessorin, gemeinsam mit ihren Anwälten auf. Sie hatte sich zuvor mit öffentlichen Äußerungen zurückgehalten. Das Sprechen fiel ihr erkennbar schwer. Sie sagte, die Mutter ihres Mannes sei über 90 Jahre alt, "sie wartet auf ihren Sohn". Und: "Es ist schwer, wenn man kein Vertrauen mehr in die Justiz hat."

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SZ vom 17.12.2019
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