Profil:Omar El Manfalouty

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Profil: Omar El Manfalouty

Omar El Manfalouty

(Foto: Felix Weiß/Sea Watch)

Pilot, der Menschen aus Seenot und Europas Werte retten will.

Von Dunja Ramadan

An normalen Tagen sitzt Omar El Manfalouty an seinem Schreibtisch in der Goethe-Universität in Frankfurt. Dort forscht der 28-jährige Doktorand der Alten Geschichte zum antiken Freiheitsverständnis christlicher und jüdischer Gemeinden. An seinen freien Tagen sitzt El Manfalouty im Cockpit eines Flugzeugs, unter sich das Mittelmeer. Auch hier beschäftigen ihn die großen Fragen der Freiheit. Als Pilot sucht er stundenlang nach Menschen, die in Seenot geraten sind. Als ehrenamtliches Mitglied der Schweizer Initiative Humanitäre Piloten informiert er gemeinsam mit Mitarbeitern der Organisation Sea Watch staatliche Behörden über in Not geratene Flüchtlingsboote und dokumentiert Rechtsverstöße.

Am vergangenen Wochenende kam der gebürtige Egelsbacher von einem mehrtägigen Einsatz vor der libyschen Küste zurück. Dort sind im Herbst die Wellen oft so hoch, dass Boote kaum gesichtet werden können und das Flugzeug am Boden bleiben muss, wie El Manfalouty am Telefon erzählt. "Das heißt aber nicht, dass sich die Menschen nicht auf den Weg machen." Erst Anfang Oktober sichteten seine Kollegen mehr als hundert Menschen dicht gedrängt in einem Gummiboot, das in der Mitte durchgebogen war. Sie gaben die Koordinaten an Malta und Italien weiter. Viel zu häufig passiere dann aber nichts, sagt El Manfalouty.

Als ehemaliger Juso-Vorsitzender im Kreis Offenbach fand er politische Arbeit oft zu langwierig. Er wollte humanitäre Arbeit leisten. Seit 2018 ist er regelmäßig in der Luft. Er erzählt von einem Einsatz im vergangenen Juni, als seine Crew mehrere Boote mit Leichen gesichtet hat. Sie informierten die maltesischen Behörden, die zu helfen versprachen. Doch Wochen später wurden dieselben Leichen von Mitgliedern der Humanitären Piloten erneut gesichtet. Über den Fall berichteten zwei europäische Zeitungen. "Wir sind ganz oft das letzte Auge, das diese Menschen sieht. Das Mindeste, was wir tun können, ist, den Behörden Bescheid zu geben, damit diese Menschen zumindest vernünftig begraben werden", sagt El Manfalouty. Doch wenn so mit Toten umgegangen werde, dann sei klar, wie man mit Lebenden umgehe.

Damals, als El Manfalouty 2017 den Pilotenschein in der Tasche hatte, war das Fliegen für ihn nur ein Hobby. Mit Freunden ging es mal nach Rom oder mal für 80 Euro von Frankfurt nach Berlin. "Wie ein ICE-Ticket ohne Bahncard", erinnert sich El Manfalouty. Anfangs war es vor allem die Perfektion, die ihn am Fliegen reizte: die kleinen Räder im Getriebe, die ineinandergreifen müssen, damit die Maschine abhebt. Sie steht im Kontrast zu dem, was er nun von oben sieht.

Bei fast jedem Einsatz merke er, dass in der Flüchtlingspolitik gar nichts ineinandergreift. Er spricht von "Staatsversagen", von "moralischer Selbstverstümmelung Europas", erzählt von Küstenwachen, die versprechen, sie seien auf dem Weg, und dann passiere nichts. Stattdessen übernehmen Freiwillige oder Handelsschiffe die Aufgaben des Staates. "Wir stopfen Löcher, die vorsätzlich von staatlicher Seite geschaffen werden."

Anders als Seenotretter auf dem Wasser, hört El Manfalouty die Menschen nicht, die um Hilfe schreien. Er zieht sie nicht an Bord, lebt nicht unter ihnen, riecht nicht ihren Schweiß nach tagelangem Ausharren auf hoher See. Einmal sagte eine Seenotretterin, die mit ihm in der Luft war, von oben wirke alles wie in einem Videospiel. Surreal. El Manfalouty hilft diese Distanz, einen kühlen Kopf zu bewahren. "Es geht nicht darum, dass jeder Bleiberecht bekommt, aber zumindest ein faires Verfahren", sagt er.

Seine wissenschaftliche Arbeit hat ihn gelehrt, dass der Fortbestand eines Gemeinwesens gefährdet ist, wenn grundlegende Werte verletzt werden. "Was im zentralen Mittelmeer stirbt, sind nicht nur zahllose Menschen, sondern auch Europa als Wertegemeinschaft, als Raum der Freiheit und Gerechtigkeit für alle." Europa müsste sich um seiner selbst willen ändern. "Sonst wird uns das eines Tages noch richtig um die Ohren fliegen", glaubt El Manfalouty.

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