Profil Octavian Ursu

Neuer Bürgermeister in Görlitz - dank Anti-AfD-Bündnis. Ein Mann der leisen Töne.

Von Ulrike Nimz

Es gibt ein frühes Bild von Octavian Ursu, es stammt aus dem März 1990. Ursu ist gerade von Bukarest nach Görlitz gezogen, um eine Stelle als Solo-Trompeter im Orchester des Musiktheaters anzutreten. Er steht in Jeansjacke vor einer Litfaßsäule, zu seinen Füßen ein Instrumentenkoffer. Die Litfaßsäule ist über und über mit politischen Slogans beklebt: "Zukunft beginnt zu Hause", wirbt da die CDU. "Eine neue Politik. Eine neue Wirtschaft. Eine neue Moral", verspricht die SPD. 29 Jahre später hat Octavian Ursu erneut mehrere Parteien hinter sich. Nur dank der Unterstützung von Wählerbündnissen, SPD, Linken und Grünen hat Görlitz nun keinen AfD-Mann als Stadtoberhaupt, sondern Octavian Ursu von der CDU, den Mann der leisen Töne.

Ursu, 1967 geboren, wächst in einem Plattenbau in der rumänischen Hauptstadt auf. 1977 überlebt die Familie das Erdbeben von Vrancea, eines der schwersten Europas, 1500 Menschen sterben. Zusammenhalt und Wiederaufbau hätten seine Kindheitserinnerungen geprägt, so Ursu. Zwölf Jahre später, er studiert Musik und Pädagogik, geht er gegen das kommunistische Regime auf die Straße. Nicolae Ceaușescu stürzt, die Mauer fällt, und Octavian Ursu geht nach Görlitz, um Trompete zu spielen. Eigentlich will er nur zwei Jahre bleiben, doch die Liebe hält ihn dort. Ursu lernt seine Ehefrau kennen, das Paar bekommt zwei Töchter. Die Verwandtschaft lebt nicht nur in Deutschland und Rumänien, sondern auch in Spanien, Kanada und den USA. Ursus Verhältnis zu Grenzen ist wohl ambivalenter als das des AfD-Kandidaten Sebastian Wippel (Slogan: "Sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität").

Ursu gilt selbst Konkurrenten als sympathisch, als ausdauernd und ausgleichend. In der Musik wie in der Politik ist er um Harmonie bemüht. Während Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der bei der Landtagswahl im Herbst in seinem Heimatwahlkreis Görlitz antreten will, gern austeilt, zuletzt in Richtung der Grünen, war von Ursu im Wahlkampf kaum ein scharfes Wort zu vernehmen. Was ihm zunächst als Farblosigkeit und falsche Zurückhaltung ausgelegt wurde, erleichterte letztlich die parteiübergreifende Unterstützung im zweiten Wahlgang. Vor der Entscheidung ließ Ursu seine CDU-Ämter ruhen, zeigte sich gemeinsam mit der Initiative "Görlitz bleibt bunt" auf der Straße. Bereits Ende März hatte er sich in die Lichterkette rund um den Marktplatz im benachbarten Ostritz eingereiht. In der Grenzstadt treffen sich regelmäßig Neonazis zu Konzert- und Kampfsportevents, ein bürgerliches Bündnis hält dagegen. Auch in Ostritz ist den meisten egal, wer wo diesseits der AfD sein Kreuz macht, Hauptsache die Mehrheit kommt auf den Marktplatz.

All das wird dazu beigetragen haben, dass am Sonntag in Görlitz selbst Linke ohne lautes Zähneknirschen einem Christdemokraten die Stimme gaben. Auf der Wahlparty im Ratscafé kamen alle Unterstützer zusammen und schüttelten sich gegenseitig die Hände, erleichtert und ermattet. Die Zeit der Siegerfäuste ist für die Union in Sachsen endgültig vorbei.

Ursu hat die CDU der absoluten Mehrheiten nicht mehr erlebt. Seit 2009 ist er Mitglied, wurde in den Görlitzer Stadtrat gewählt, später Stadtvorsitzender, stellvertretender Fraktionschef, Kreisvorsitzender. Als Ursu 2014 für Sachsens Landtag kandidierte, zweifelten manche Kollegen, ob die konservativen Oberlausitzer einen Musiker mit Migrationshintergrund wählen, deutscher Pass hin oder her. Das Ergebnis damals wie heute: ausreichend.

Auf seiner Webseite zitiert Ursu die erste Strophe des "Görlitz-Liedes", 1953 vom Musiklehrer Paul-Hermann Opitz komponiert. Sie geht so: "Zu Görlitz an der Neiße / Da weht ein scharfer Wind / Und die ihn nicht vertragen / Bald fortgezogen sind." Octavian Ursu ist geblieben, aber der Wind wird nicht nachlassen: Im neu gewählten Görlitzer Stadtrat hat die AfD ein Drittel aller Sitze.