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Profil:Noureddine Sati

(Foto: OH)

Der Diplomat aus dem Sudan ist unterwegs zum Ex-Erzfeind.

Botschafter zu sein ist oft ein heikler Job: Der chinesische Gesandte in den USA dürfte es etwa derzeit nicht leicht haben - und vice versa. Einen der schwierigsten Posten in diesem Metier tritt bald Noureddine Sati an, denn der Sudan wird nach 23 Jahren erstmals wieder einen Botschafter in die USA entsenden. Die Regierung setzt große Hoffnungen in Sati, die extrem angespannten Beziehungen zu verbessern.

Dabei war der 70 Jahre alte Veteran bereits im Ruhestand. Er hatte zuvor als Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität von Khartum gelehrt und mehrere Bücher geschrieben. Später arbeitete Sati, der fließend Französisch spricht, als Berater im Präsidentenpalast und für die Unesco. Normalerweise wäre seine Reaktivierung als Diplomat kaum der Rede wert, doch im Falle der beiden Staaten spricht das Außenministerium in Khartum zu Recht von einem "historischer Schritt": Immer noch bezichtigt ein Land das andere, Terrorismus systematisch zu unterstützen. Als "State Sponsors of Terrorism" listen die US-Behörden genau vier Staaten auf: Nordkorea, Iran, Syrien - und eben den Sudan.

Unter dem früheren sudanesischen Diktator Omar al-Baschir erreichten die Beziehungen ihren Tiefpunkt. Er war 1989 mit Hilfe der Muslimbrüder an die Macht gekommen. Während seiner Schreckensherrschaft ließ er Andersdenkende und Frauen unterdrücken und half Terroristen. Hinter einem Attentat auf Ägyptens damaligen Präsidenten Hosni Mubarak 1995, dem dieser knapp entkam, steckten zwar ägyptische Fundamentalisten, doch als Drahtzieher galt das international isolierte Regime in Khartum. In den Neunzigern fand Osama bin Laden dort Unterschlupf. Kurz danach erkalteten die diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und dem Sudan endgültig.

Al-Baschir ist seit einem Jahr Geschichte. Hunderttausende waren auf die Straße gegangen und hatten friedlich gegen sein Regime protestiert. Am 11. April 2019 putschte das Militär. Doch mit dem Sturz des Diktators war nicht alles besser: Monatelang stritten Zivilisten und Armee um die Macht. Im Juni 2019 ermordeten und vergewaltigten paramilitärische Einheiten Demonstranten. Es war der Tiefpunkt des Machtkampfs. Schließlich rangen sich beide Seiten zu einer Übergangsregierung durch, die aus Zivilisten und Militärangehörigen gebildet wurde. Doch die Lage ist fragil. Das Land braucht dringend Finanzhilfen: Nachdem sich 2011 der rohstoffreiche Süden abgespaltet hatte, blieb der Norden ohne nennenswerte Wirtschaftszweige zurück. Beim Anflug nach Khartum sind aus der Luft kilometerlange Schlangen an den Tankstellen zu sehen. Auch die Brotpreise steigen - 2019 war dies der Funke, der alles in Flammen setzte. Im Sudan und im Ausland fürchten viele, dass die internationale Gemeinschaft den Moment verpasst, bevor die Stimmung wieder kippt. Momentan hängt das Land von einigen wenigen Geldgebern ab, unter anderem von der Arabischen Halbinsel, die ihre Einflusssphäre in Nordafrika ausweiten wollen.

Der Sudan will jetzt zurück an den Verhandlungstisch. Dieses Ziel bleibt aber unerreichbar, solange das Land auf der berüchtigten Terrorliste steht. Auf Sati kommt daher eine entscheidende Rolle zu. Dabei könnten ihm seine Erfahrungen als Diplomat helfen. Er war unter anderem in Brüssel, Paris und im Tschad eingesetzt, wo er einen Durchbruch in den Beziehungen zum Sudan erreichte.

Deshalb traut man ihm für seine Zeit in Washington viel zu. In sudanesischen Zeitungen ist zu lesen, er sei "der stärkste Kandidat" gewesen; der einzige, der wirklich infrage kam. Nun soll er helfen, sein Land aus der Isolation zu holen. Nur, wenn der Sudan nicht mehr in einem Atemzug mit Nordkorea genannt wird, hat das Land eine Chance, wieder auf Augenhöhe mit anderen Staaten zu agieren. Dies wird wohl Satis erste Aufgabe, die des Geschicks eines erfahrenen Taktikers bedarf.

© SZ vom 08.05.2020

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