Profil Niyazi Kizilyürek

(Foto: AFP)

Erster türkischer Zyprer auf dem Weg ins nächste EU-Parlament.

Von Christiane Schlötzer

Wenn er ins Europaparlament einzieht, und er hat gute Chancen, dann will Niyazi Kızılyürek dort eine Rede auf Türkisch halten. Er könnte auch Deutsch sprechen oder Französisch, Englisch und Griechisch. All diese Sprachen beherrscht der Historiker und Filmemacher. Mit dem Türkischen möchte er an seine "vergessenen" Landsleute erinnern, wie Kızılyürek sagt - an die Menschen im türkischen Norden der Insel Zypern, von denen viele gar nicht wüssten, dass sie bei der Europawahl auch abstimmen dürfen.

Durch Zyperns Hauptstadt Nikosia zieht sich ein Stacheldrahtband. In einer Pufferzone wachen die Vereinten Nationen über den Status quo: Hier sieht alles noch so aus wie vor der Teilung 1974, auf Kaffeehaustische hat sich der Staub von 45 Jahren gelegt. 2004 scheiterte eine Wiedervereinigung an den Stimmen der griechischen Zyprer, die südlich des Zauns leben. Die Inseltürken hatten für den UN-Friedensplan gestimmt, von der EU waren sie danach bitter enttäuscht, weil die Zypern trotz des ungelösten Konflikts aufnahm. So gehört theoretisch auch Nordzypern zur EU, nur ist dort das EU-Recht "ausgesetzt".

Niyazi Kızılyürek ist der erste Bewerber aus dem Norden, der für eine Partei aus dem Süden antritt, für die linke Akel, die größte Oppositionspartei. Und er ist auch der erste Politiker, der Wahlkampf auf beiden Seiten der Trennlinie macht, in den zwei Amtssprachen Zyperns: Griechisch und Türkisch. Sechs Abgeordnete darf Zypern ins Parlament schicken, zwei Sitze waren immer für Türken reserviert. Sie wurden bisher von Griechen besetzt, weil es keinen Abgeordneten aus dem Norden gab. Die Akel habe ihm die Kandidatur angeboten, sagt Niyazi Kızılyürek. Das war ein Tabubruch.

Als er 1959 in dem Ort Potamiá geboren wurde, war Zypern noch eine britische Kronkolonie. In seinem Dorf, nicht weit von Nikosia, lebten beide Volksgruppen zusammen. 1964 musste Kızılyüreks Familie Richtung Norden fliehen, da war der Konflikt schon blutig eskaliert. 1974 besetzte die türkische Armee den Norden, nach einem griechischen Putsch. Kızılyürek verließ nach dem Gymnasium die Insel. Er studierte in Bremen Politik und Soziologie, seine Abschlussarbeit schrieb er über den Zypern-Zwist. Als er 1995 begann, im Süden an der renommierten Universität von Zypern zu lehren, verlangten stramme Nationalisten seinen Rauswurf. Die Hochschule hielt zu ihm. Seit 2003 ist der Stacheldrahtzaun durchlässig. Aber wer auf die andere Seite will, muss seinen Ausweis zeigen.

Kızılyürek wünscht sich, dass seine zwei Kinder - sie sind 15 und zwölf Jahre alt - erleben, dass die Insel wiedervereinigt wird. "Jede Stimme für mich ist eine für die Versöhnung und ein gemeinsames Leben", sagt der 59-Jährige. Er plädiert für eine "Föderation" aus beiden Teilen und hofft, dass seine Wahl sogar in den eingefrorenen Friedensprozess wieder Bewegung bringen könnte. Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Zyprer heute für eine Vereinigung wären. Die Wirtschaftskrise in der Türkei trifft den von Ankara abhängigen Norden der Insel hart, auch das hat dort das Interesse an der EU wieder wachsen lassen.

Die Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945 nennt Kızılyürek als Vorbild. Wie zerstörerisch Rassismus und Ausgrenzung wirken, dafür sei Zypern geradezu ein Studienobjekt. "Wir müssen Europa jetzt auch in Schutz nehmen", sagt Kızılyürek.

Vor fünf Jahren nahmen nur knapp 2500 Zyperntürken an der Europawahl teil, etwa drei Prozent. Nun gibt es 50 Wahllokale für 80 000 Wahlberechtigte, fußläufig zu neun Toren in der Trennlinie. Für das Mandat braucht Kızılyürek etwa 17 000 Stimmen. Umfragen zeigen, dass ihm die historische Premiere gelingen könnte - wenn am Sonntag alles reibungslos läuft und die Wähler nicht zu lange an den Checkpoints Schlange stehen müssen.