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Brexit-Referendum:Nicola Sturgeon - schottische Nationalistin und Europa-Freundin

Die Schotten haben mit deutlicher Mehrheit gegen den Brexit gestimmt. Für die Erste Ministerin Nicola Sturgeon ist das ein Grund, jetzt erst recht die Unabhängigkeit von Großbritannien anzustreben.

Sie hat sehr klargemacht, dass aus ihrer Sicht die Ergebnisse nicht nur einer Volksabstimmung, sondern gleich zweier Abstimmungen nun Makulatur sind: erstens das des britischen EU-Referendums vom vergangenen Donnerstag, und zweitens das über die schottische Unabhängigkeit vom September 2014. Damals entschied sich eine knappe Mehrheit der Schotten gegen jene Abspaltung vom Vereinigten Königreich, die Nicola Sturgeon und ihre Scottish National Party (SNP) angestrebt hatten. Am Sonntag machte Sturgeon, 45, die Erste Ministerin Schottlands, jedoch in einem BBC-Interview deutlich, das Vereinigte Königreich existiere gar nicht mehr.

Schon am Freitag, nachdem klar war, dass sich die Mehrheit der englischen Wähler für einen EU-Ausstieg entschieden hatte, 62 Prozent der Schotten aber dagegen, hatte Sturgeon gesagt, dass nun ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum "sehr wahrscheinlich" sei. Am Sonntag nun warnte sie jeden britischen Premier, sei es David Cameron oder seinen noch unbekannten Nachfolger, sich solchen Unabhängigkeitsbestrebungen in den Weg zu stellen. "Das schottische Volk", so Sturgeon, "würde das für völlig inakzeptabel halten."

Cameron in Panik

Seit Sturgeon im November 2014 als Nachfolgerin Alex Salmonds zur Ersten Ministerin Schottlands gewählt wurde, hat sie alles daran gesetzt, ein Stachel im Fleisch der britischen Regierung zu sein. Im Spätsommer jenes Jahres hatte es schon einmal so ausgesehen, als werde Schottland sich mittels Volksabstimmung vom Rest des Königreiches abspalten.

Kurzzeitig in Panik geraten, hatte Cameron der schottischen Regierung eine noch weiter reichende Autarkie versprochen, sollte die Union halten. Sie hielt gerade so. Von da an drängten Sturgeon in Edinburgh und Londoner SNP-Unterhausabgeordnete dazu, dass Cameron seine Versprechen wahrmache, sehr zu dessen Missmut.

Schottland ist derzeit eine Art Ein-Parteien-Staat. Im Parlament von Holyrood dominiert die SNP ohnehin. Seit bei den britischen Parlamentswahlen im Mai vergangenen Jahres die traditionell Labour wählenden Schotten nahezu geschlossen zu den Nationalisten umschwenkten, haben diese mit 56 Abgeordneten auch schottischen Alleinvertretungsanspruch in Westminster.

Nationalismus der Partei verbindet Sturgeon mit Europa-Freundlichkeit

Diesen Anspruch verkörpert Sturgeon mit Klugheit und Eloquenz. 1970 in Irvine, North Ayrshire, geboren, ist sie eine in der Wolle gefärbte SNP-Politikerin. Angestachelt von den sozialen Ungleichheiten, für die sie die Regierung Margaret Thatchers verantwortlich machte, trat sie der Partei bereits mit 16 Jahren bei.

Schon damals war Sturgeon überzeugt, nur Unabhängigkeit werde Schottland zur Blüte verhelfen. Diesen Nationalismus ihrer Partei, der sich stets offener präsentiert hat als etwa der englische, verbindet Sturgeon mit großer Europa-Freundlichkeit. Es ist also keine Überraschung, dass sie ihr Land jetzt, nach dem Brexit-Votum, in der EU halten will.

© SZ vom 27.06.2016/mane
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