bedeckt München 26°

Profil:Michèle Rubirola

(Foto: Christophe Simon/AFP)

Marseilles Hoffnungsträgerin für einen Neubeginn.

Von Nadia Pantel

Die drei Kinder von Michèle Rubirola sind inzwischen erwachsen. Doch um zu erklären, wie sie ihre Stadt Marseille sieht, bemüht sie eine Anekdote aus der Zeit, als ihr Sohn noch ein kleiner Junge war. "Er hat andere Kinder immer gefragt, ob sie aus Frankreich oder Marseille kommen", erzählte sie dem Online-Portal Made. Er selbst habe über sich gesagt, er sei "ein Marseillais aus Neapel". Die kleine Erinnerung trifft den Kern von Rubirolas Weltbild. Sie will Bürgermeisterin von Marseille werden, und sie will aus der Hafenstadt einen Ort machen, "an dem jeder ankommen kann". Damit sind explizit auch jene gemeint, für die das Mittelmeer kein Badegewässer ist, sondern eine lebensgefährliche Etappe auf der Flucht in ein neues Leben.

Marseille ist nicht nur Frankreichs zweitgrößte Stadt, es ist auch der Gegenpol zum dauergestressten Paris mit seinem grauen Himmel und seinen grauen Häusern. Rubirola wurde in Marseille geboren, die Großeltern kamen aus Süditalien und Spanien. So wie Rubirola sehen viele die Stadt: Dem Mittelmeer zugewandt, die Hauptstadt irgendwo weit dahinter im Norden. Rivalitäten zwischen Paris und Marseille bedient Rubirola jedoch nicht. Sie weiß, wie arm ihre Heimatstadt ist und wie sehr sie auf finanzielle Unterstützung des Zentralstaats angewiesen ist.

Spaziert man am strahlend renovierten Hafen entlang, fällt das Elend kaum auf. Hier steht das 2013 gebaute Mucem, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, und jährlich wächst die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die ihre Passagiere für ein paar Stunden zum Staunen und Geld ausgeben an Land schickt. Doch man muss nur zehn Minuten laufen, bis man zur Rue d'Aubagne kommt. 2018 stürzten dort mehrere Häuser ein, acht der Bewohner starben. Mitten im Zentrum der Stadt waren und sind ganze Straßenzüge so baufällig, dass Menschenleben gefährdet werden. Wenn Rubirola nun tatsächlich Bürgermeisterin werden sollte, dann liegt das auch an dem Drama in der Rue Aubagne. 25 Jahre lang wurde Marseille von dem Konservativen Jean-Claude Gaudin regiert, über Jahrzehnte ließ Gaudin die Vetternwirtschaft gedeihen. Unterstützung für die Opfer der Wohnungsnot kam hingegen nur spärlich in Gang.

Und so ist die 63-jährige Rubirola heute zur Anführerin aller geworden, die einen Wechsel im Rathaus fordern. In der zweiten Runde der Kommunalwahl kam Rubirola auf 38,3 Prozent der Stimmen, damit liegt sie weit vor den Konservativen (30 Prozent). Rubirola ist Mitglied von Frankreichs Grünen, ihr Erfolg wird als Teil der "grünen Welle" gewertet, die Frankreich bei diesen Bürgermeisterwahlen erfasst hat. Doch zudem steht Rubirola für eine breite Allianz aus Grünen, Sozialisten, Kommunisten und Mitgliedern von Jean-Luc Mélenchons France Insoumise. Auf Rubirolas Liste fanden sie alle Platz.

Noch zu Beginn des Jahres galt Rubirolas Kandidatur als Überraschung, sie selbst hatte nie große Ambitionen gezeigt, die Stadt zu regieren. Doch ihre Nominierung und ihr Aufstieg passen perfekt in diese Zeit, in der Franzosen am liebsten Nicht-Politiker wählen. Rubirola ist Ärztin, Mutter dreier Kinder, spielt Fußball (zeitweise für die Frauenmannschaft von Olympique Marseille) und Basketball, singt in zwei Chören. Während der Corona-Ausgangssperre unterbrach sie ihre Kampagne, versorgte aber weiter Patienten in den ärmsten Vierteln im Norden der Stadt. Anders als die Polit-Newcomer in Emmanuel Macrons Partei scheut Rubirola kein ideologisches Etikett: Sie ist links. Ihr Vater war Kommunist, sie politisierte sich bei Protesten gegen Atomkraft und für ein Recht auf Abtreibung.

Ob Rubirola Bürgermeisterin wird, entscheidet sich am Wochenende. Dann tagt der Stadtrat, in dem Rubirolas grün-linke Liste nicht die nötige absolute Mehrheit hat und auf Stimmen der bisherigen Konkurrenten hoffen muss.

© SZ vom 02.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite