bedeckt München 15°
vgwortpixel

Äthiopien:Gnade für den schrecklichen Diktator

Mengistu Haile Mariam, der "Schlächter von Addis", im Jahr 1990 in Äthiopien

(Foto: AP)

Er zwang Familien, die Munition zu bezahlen, mit der er ihre Angehörigen töten ließ: Mengistu Haile Mariam regierte 14 Jahre lang brutal in Äthiopien. Nun darf er auf eine Rückkehr aus dem Exil hoffen.

Es ist nicht leicht, das Haus von Mengistu Haile Mariam in Harare zu finden, der Hauptstadt Simbabwes. Der Garvin Close, in dem Mengistu wohnen soll, ist schon vor Jahren von allen offiziellen Karten verschwunden. Nähert man sich der Gegend im vornehmen Stadtteil Gunhill, wird man von Soldaten verscheucht. Es ist eine schöne Wohngegend, die sich Mengistu ausgesucht hat für sein Exil, das nun schon 27 Jahre andauert, und damit ziemlich genau doppelt so lange, wie seine Herrschaft über Äthiopien.

Der Armeegeneral Mengistu stürzte 1974 Haile Selassie, den zum Ende ungeliebten Kaiser, und regierte das Riesenreich Äthiopien 14 Jahre lang mit brutaler Gewalt. Ungefähr eine halbe Million Menschen starben, die Familien der Toten ließ er für die Kugeln zahlen, die er in die Köpfe ihrer Väter und Söhne schießen ließ. Den Kaiser ließ er umbringen und vor dem Fenster seines Büros beerdigen, auf das Grab stellte er eine Toilette, die er benutzte, wenn ihm die Stimmung danach war. Im Jahr 1991 befreiten sich die Äthiopier von ihrem einstigen Befreier, der nach Simbabwe flüchtete und dort von Robert Mugabe fürstlich versorgt wurde. Man hilft sich unter Diktatoren.

Die ersten Jahre meldete sich Mengistu hin und wieder beleidigt zu Wort, schimpfte auf den "konterrevolutionären Lügner Gorbatschow" oder andere, die ihn im Stich gelassen hätten. Dann wurde es ziemlich still um den heute 81-Jährigen, der Alkohol soll sein bester Freund geworden sein. Vergangene Woche aber tauchten plötzlich Bilder von dem kleinen Mann auf, er stand vor einem seiner Häuser, neben ihm der lächelnde Hailemariam Desalegn, der ehemalige Ministerpräsident Äthiopiens, dessen Partei aus den Rebellen hervorging, die Mengistu einst vertrieben. Was war da los?

Außerhalb Afrikas nahm kaum einer Notiz von den auf Facebook geposteten Aufnahmen, in Äthiopien wurden sie ungläubig herumgereicht. "Ich wünsche mir mehr ehemalige Staatsoberhäupter zurück in Äthiopien, wo sie ihren Beitrag zur friedlichen Transformation leisten können", schrieb Hailemariam. Es klang wie eine Einladung zur Heimkehr - und wenige in Äthiopien zweifelten daran, dass Hailemariam die Einladung im Namen Abiy Ahmeds überbrachte, des jungen, neuen Ministerpräsidenten, der sein Land gerade in einem atemberaubenden Tempo reformiert, der Tausende politische Gefangene freigelassen und die Gegner von einst zur Versöhnung aufgerufen hat.

Viele in Äthiopien fragen sich aber nun, wie weit die Versöhnung gehen kann. Äthiopien hatte sich - im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern - intensiv mit den Gräueln der Diktatur auseinandergesetzt. Auf dem zentralen Meskel-Platz in Addis Abeba steht das Museum des "Roten Terrors", das vor allem Mengistu gewidmet ist, der 2007 wegen Völkermords zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Wie soll man so jemandem verzeihen?

Viele Äthiopier halten die Rückkehr für keine gute Idee, in den sozialen Medien häufen sich die kritischen Kommentare. Andererseits ist Äthiopien ein sehr junges Land, und die Jungen haben keine persönlichen Erinnerungen mehr an diese Zeit. Und aus der Distanz scheint vieles besser gewesen zu sein, als es war. Mengistu wird bei manchen Jugendlichen als einer verehrt, der den Vielvölkerstaat zusammenhielt, der die Abspaltung Eritreas verhindern wollte und mit Somalia einen blutigen Krieg um das Grenzgebiet führte.

Kaum einer erinnert sich noch daran, dass es Mengistu war, der Äthiopiens Image auf Jahrzehnte prägte in der Welt. Er wollte die Landwirtschaft kollektivieren und zwang die Bauern mit Gewalt zur Umsiedlung. Daraufhin brach die Produktion ein, und das Land stürzte Mitte der Achtzigerjahre in eine fürchterliche Hungersnot, die Mengistu lange leugnete. Jetzt gibt es ein neues Äthiopien, eine Aufbruchsstimmung wie schon lange nicht mehr, zu der einer wie Mengistu eigentlich gar nicht passt.

© SZ vom 09.08.2018
Zur SZ-Startseite