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Profil:Max Strohe

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Sternekoch, der für Pflegekräfte kocht.

Ein wenig kokett klingt es schon, wenn Max Strohe sagt, außer kochen könne er nichts. Denn erstens kann er ziemlich gut kochen. Und zweitens kocht er neuerdings für einen noch besseren Zweck - für die Alltagshelden der Corona-Krise.

Strohe, 38, betreibt das Speiselokal Tulus Lotrek in Berlin-Kreuzberg. 2016 kürten ihn führende Kritiker zum "Aufsteiger des Jahres", 2017 erhielt er einen Michelin-Stern. Bevor die Welt aus den Fugen geriet, wurde Strohe unter anderem für seine Eismeerforelle mit Sojakristall gefeiert. Als er sein Restaurant vor zwei Wochen wegen akutem Lockdown vorübergehend dichtmachte, war das Kühlhaus noch gut gefüllt. Strohe beschloss, es leerzukochen, schon allein deshalb, weil er nicht wusste, was er zu Hause den ganzen Tag tun sollte. Gemeinsam mit seiner Lebens- und Geschäftspartnerin Ilona Scholl entwickelte er daher ein Krisenkonzept: Wenn die üblichen Gäste nicht mehr zu ihm kommen dürfen, dann würde er eben zu neuen Gäste kommen.

Sein Sternelokal meldete sich initiativ bei Krankenhäusern, Pflegediensten, Hebammen und bei vielen anderen, für die Home-Office keine Alternative ist, "weil die Gesellschaft vor die Hunde geht, wenn sie zu Hause bleiben", wie Strohe am Telefon erzählt. Diesen Menschen liefern er und sein Team jetzt warmes Mittagessen. Alles kostenlos, unbürokratisch und "unter Beachtung nachgerade neurotischer Desinfektionsvorschriften". Ein Freund, der einen Lieferwagen besitzt, fährt dafür den ganzen Tag durch Berlin.

Zu einer bundesweiten Aktion wurde Strohes Idee auch dank der Amtshilfe des Hamburger Fernsehkochs Tim Mälzer. Die beiden kennen sich unter anderem aus der Kochsendung "Kitchen Impossible". Strohe bat seinen weitaus bekannteren Kollegen: "Tim, kannst du mal was posten, wir brauchen ein bisschen Aufmerksamkeit." Mälzer war gleich begeistert. Inzwischen haben sich über 70 Restaurants in ganz Deutschland der Initiative "Kochen für Helden" angeschlossen.

Statt übersichtlich angeordneter Acht-Gänge-Menüs für 150 Euro bereitet Max Strohe jetzt also Gemüseeintöpfe und Suppen aller Art zu. Es hängt jeden Tag auch davon ab, was an Spenden von Großmärkten und Lieferanten hereinkommt. Man muss aber nicht glauben, dass einer wie er sich künstlerisch unterfordert fühlt, weil er plötzlich "Omagerichte" kocht, wie er das nennt. Strohe kann längere Vorträge über den emotionalen Wert einer Gulaschsuppe halten. Er sagt: "Wenn es einem nicht gut geht, will man was Warmes haben." Dabei denkt er auch an seine Kindheit im rheinland-pfälzischen Sinzig und an die Spezialitäten seiner Großmutter.

Nach einer Lehre beim Sternekoch Gerd Lanz landete Strohe zunächst in der Küche eines Altersheims. Große Portionen aus einem Kessel sind für ihn also nichts Neues. Das Problem ist eher, dass er in seinem Berliner Restaurant gar nicht so viele massentaugliche Töpfe hat. Das 2015 eröffnete Tulus Lotrek ist die Kreuzberger Interpretation von Sterneküche, in der alles erlaubt ist, außer dass es wie Sterneküche aussieht. Kalkulierte Schlonzigkeit trifft hier auf guten Geschmack. Man speist im Altbauwohnzimmer an Holztischen ohne weiße Deckchen, und der Chef trägt Wollmütze statt Kochhaube.

Im Moment, sagt Max Strohe, schicke er an einem Tag mehr Essen raus als sonst in einem Monat. Allein an diesem Montag waren es 850 Portionen, die meisten gingen an Berliner Krankenhäuser, die ihren Kantinenbetrieb einstellen mussten. Strohes Arbeitstage sind jetzt deutlich länger als bei Normalbetrieb. Der Vorteil sei, dass er gar keine Zeit habe, darüber nachzudenken, was noch alles kommen könne, "auch der mögliche finanzielle Ruin". Noch weiß er nicht, wie lange er durchhalten wird allein mit Spenden und Crowdfunding. Er weiß aber, dass es sich richtig anfühlt. Wenn er mitbekommt, wie sich die Helden dieser Tage über einen Teller Suppe freuen, dann "wärmt das den Koch auch von innen".

© SZ vom 31.03.2020
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