Anwalt von Beate Zschäpe Mathias Grasel im Profil

Mathias Grasel: neuer Anwalt an der Seite der Angeklagten Beate Zschäpe.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Seit Juli vertraut Beate Zschäpe im NSU-Prozess dem Anwalt Mathias Grasel. Ein Porträt.

Von Annette Ramelsberger

Beate Zschäpe wirkte plötzlich gelöst. Am Dienstag, 7. Juli, saß im Münchner NSU-Prozess ein neuer Anwalt an ihrer Seite, das ließ sie lächeln. Nach Wochen, in denen sie ihre drei Anwälte Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl mit Missachtung gestraft und jedes Wort vermieden hatte. Seitdem sitzt ein Neuer neben ihr, der vierte Pflichtanwalt. Es ist Mathias Grasel, ein Strafverteidiger von 30 Jahren, der mit dem Münchner Anwalt Hermann Borchert zusammenarbeitet, Zschäpes Vertreter in zivilrechtlichen Dingen. Über diese Verbindung hat Grasel den Kontakt zu Zschäpe bekommen, Borchert unterstützt ihn im Hintergrund. Und Zschäpe hat ganz offensichtlich Vertrauen zu dem Anwalt gefasst.

Grasel ist ein Durchstarter. Mit 24 das Erste Staatsexamen, dann Referendariat am Oberlandesgericht München - dort, wo auch der NSU-Prozess läuft. Mit 26 die Anwaltszulassung, mit 29 selbständig. Nun soll es so schnell weitergehen: Er wagt sich an einen Fall, an den sich viele Juristen nicht mit einem Dutzend Berufsjahren herantrauen würden.

Manche Kollegen spüren fast ein wenig Mitleid mit diesem Verteidiger. Wer so spät einsteige, könne immer nur Juniorpartner der bisherigen Verteidigung sein und nie wirklich kämpferisch auftreten - weil er all die Zeugen nicht erlebt habe, die ein Bild von Zschäpe gezeichnet haben, sagen sie. Grasel sei wohl eher für die Seelenmassage gedacht, um Zschäpe verhandlungsfähig zu halten und den Prozess abzusichern - weniger für aufsehenerregende Vorstöße.

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Auf jeden Fall ist der Job eine Herausforderung, das weiß Grasel. Bisher kannte er die Akten nicht, vor Dienstag war er noch nicht einmal bei diesem Prozess dabei, er hat 215 Verhandlungstage aufzuholen. Das Gericht hat vier Termine im Juli gestrichen, damit Grasel sich einarbeiten kann. "Einfach wird's nicht", sagt der Neue. Große Worte macht er nicht, viele auch nicht. Er ist ein zurückhaltender Mensch. Es sei "ein anspruchsvolles Mandat in einem anspruchsvollen Verfahren".

Vor allem die Zusammenarbeit mit den Kollegen Sturm, Stahl, Heer wird anspruchsvoll. Die drei verteidigen Zschäpe seit Beginn, sie werden zumindest skeptisch auf den Kollegen reagieren - auch wenn der sagt, er wolle die Verteidigung gerne gemeinschaftlich organisieren, "zum Wohle der Mandantin".

Allerdings sagt Grasel auch deutlich, dass er Zschäpe nun "eine Verteidigung nach ihrem Wunsche" zuteil lassen werden will. Was das genau ist, lässt er noch offen. Offensiver vielleicht, direkter im Ton. Aber ob ihm Zschäpe überhaupt alles erzählt, sodass er sie auch verteidigen kann? Über Zschäpes Verschwiegenheit selbst ihnen gegenüber hatten sich auch die anderen Anwälte schon beschwert. Sie haben deshalb kaum andere Möglichkeiten, als ihr zu raten zu schweigen. Auch unter dem Einfluss von Anwalt Grasel wird sie nun sicher nicht plötzlich reden wie ein Wasserfall.

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