Süddeutsche Zeitung

Profil:Maria Schrader

Eigensinnige, nun mit einem Emmy gekrönte Regisseurin.

Von Claudia Tieschky

Ende dieser Woche wird Maria Schrader wieder als skrupellose kommunistische Superspionin Lenora Rauch zu sehen sein, in der schön knalligen Amazon-Serie " Deutschland 89", für Schrader ist es die dritte Staffel in dieser Rolle. Wenn die Zuschauer aber Nachrichten gesehen haben, denken sie diesmal wahrscheinlich beim Anblick von Lenora: Hat die nicht gerade einen Emmy gewonnen? Ist die nicht Regisseurin?

Ja, die als Schauspielerin bekannte Maria Schrader, 54, hat für ihre Regie bei der deutschen Netflix-Serie " Unorthodox " am Sonntag gerade den wichtigsten amerikanischen Fernsehpreis gewonnen, den Emmy Award. Am Morgen danach sagt sie nach wenig Schlaf und noch hörbar überwältigt am Telefon: "Es ist eine riesige Ehre, ich begreife das als Preis, der nicht nur mir gebührt." Sie hat die virtuelle Zeremonie in einem Berliner Hotel mitverfolgt, amerikanische Journalisten fragten hinterher nach der tollen Holzvertäfelung im Hintergrund. Anna Winger war dabei, die Showrunnerin von " Unorthodox" , und der engste Kreis der an der Produktion Beteiligten von Netflix und Real Film Berlin. Sie hatten auf der Dachterrasse zu Abend gegessen und Schrader sagt, dass sie gar nicht nervös gewesen sei, weil sie sich eigentlich keine Chancen ausgerechnet habe, bis der Moment kam, in dem sie plötzlich "so aufgeregt und so überrascht" war.

Nach dem autobiografischen Bestseller von Deborah Feldman erzählt "Unorthodox" die Geschichte der jungen Esty, die in der ultraorthodoxen Satmarer Gemeinschaft im New Yorker Viertel Williamsburg aufwächst und aus den Zwängen und ihrer unglücklichen Ehe ausgerechnet nach Berlin flieht. Die New York Times wurde aufmerksam, und schließlich war "Unorthodox" für acht Emmys nominiert, eine Sensation für eine nicht-amerikanische Produktion.

Maria Schrader konnte man über die Jahre bei einem eigensinnigen Werden zusehen, beim Entfalten eines Talents und dann noch eines anderen. Eine ungewöhnlich autarke Doppelkarriere ist so entstanden, zumal in der deutschen Filmlandschaft. Mit 42 führte sie erstmals Regie - bei "Liebesleben" nach dem Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev.

Etabliert hatte sie sich erst als die Schauspielerin mit den wilden, mal kurzen, mal längeren Locken beim Film und im Theater. Für ihre Felice in "Aimée und Jaguar" gab es 1999 einen Silbernen Bären. Erste Rollen spielte sie Ende der Achtziger in den gemeinsamen Filmen mit ihrem damaligen Freund Dani Levy, die WG-Komödie "RobbyKallePaul" zum Beispiel, da schrieb sie bereits am Drehbuch mit. Independent war das, Low Budget, viel Berlin war drin, es kamen ja alle gerade hin. Sie lernte dabei das meiste über Film, hat sie mal gesagt, bei "Stille Nacht" schrieb sie erneut am Buch mit: Nie wieder im deutschen Film rieselte so großartig Schnee auf Plattenbau und Beziehungsdrama.

Wer sie einmal reden gehört hat, behält unweigerlich im Gedächtnis, wie Maria Schrader, wenn sie über eine Sache nachdenkt, einen hohen, schwebenden Tonfall bekommt, als würde sie ihre Gedanken beim Singen verfertigen. Schwebend sind auch Tonfall und Bilder in ihrer Regiearbeit "Vor der Morgenröte". Das war eine Annäherung an die letzten Lebensjahre des Schriftstellers Stefan Zweig im brasilianischen Exil, komplizierter Stoff, Szenen und Dialoge sind auf eine erstaunliche Art pur, was ablenken könnte, ist weggeschält. Es war alles andere als am Massenpublikum orientiert und doch ein unerwarteter Erfolg.

"Unorthodox" ist nebenbei auch die Geschichte einer Freundschaft, Muster eines Netzwerks unter Filmfrauen. "Vor der Morgenröte" entstand zeitlich zwischen den Auftritten als Lenora Rauch in "Deutschland 83" und "Deutschland 86" - jener Spionage-Serie, die Anna Winger und ihr Mann Jörg Winger erfanden. Als Anna Winger dann "Unorthodox" produzieren wollte, engagierte sie für die Regie direkt ihre beste Spionin.

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SZ vom 22.09.2020
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