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Profil:Mansur Yavaş

(Foto: Burhan Ozbilici/AP)

Arbeitstier und eine Gefahr für Präsident Erdoğan.

Von Tomas Avenarius

Seit 18 Jahren liegt die Macht in den Händen desselben Mannes: Recep Tayyip Erdoğan war erst Ministerpräsident der Türkei, nach einer Verfassungsänderung herrscht er seit 2014 als Präsident. Wenn die Türken 2023 ihren neuen - oder doch wieder den alten - Staatschef wählen, muss die Opposition also einen ganz besonderen Herausforderer in den Ring schicken. Denn Erdoğan teilt nicht nur extrem hart aus, er ist auch ein begnadeter Wahlkämpfer. Jüngere Türken haben zudem nie ein anderes Gesicht als Verkörperung der Herrschaft im Land gesehen.

Da der Amtsinhaber laut Verfassung eigentlich nicht mehr antreten darf, wird viel über vorgezogene Neuwahlen spekuliert; die würden Erdoğan eine weitere Kandidatur erlauben. Bei den möglichen Gegenkandidaten tauchen in den Umfragen stets dieselben vier, fünf Namen auf. An der Spitze stand bisher immer der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoğlu. Jetzt hat sich Mansur Yavaş, Parteifreund und Amtskollege in Ankara, erstmals an diesem vorbeigeschoben.

Das allein will nicht viel heißen, Umfragen sind Momentaufnahmen. Es ist die politische Herkunft, die Yavaş zum möglichen Gegenkandidaten macht, vielleicht mehr noch als den Medienliebling Imamoğlu. Denn anders als der OB von Istanbul ist Yavaş nicht in der heutzutage sozialdemokratisch orientierten CHP groß geworden, der Partei Kemal Atatürks. Yavaş kommt aus den Reihen der kemalistisch-säkular ausgerichteten, aber rechts-nationalistischen MHP. Die sichert dem Präsidenten die Mehrheit im Parlament.

Dass das derzeitige Bündnis nicht garantiert ist, zeigt sich daran, dass die MHP nicht Koalitionspartner ist, sondern der AKP die Mehrheiten mittels Duldung sichert. In bestimmten Parteienkonstellationen der Opposition - ohne AKP - könnte der CHP-Mann Yavaş auch für rechte Nationalisten attraktiv sein. Zumal der Jurist ehemaliger Offizier ist, während seines Wehrdiensts Militärstaatsanwalt war. Die Uniform steht bei vielen Gegnern Erdoğans noch immer - oder gerade wegen - des gescheiterten Putschs vom Juli 2016 hoch im Kurs. Zwar betont Yavaş gern, dass bei ihm "zu Hause gebetet wird, ab und an gehe ich auch zum Freitagsgebet". Aber das Bekenntnis zum Islam ist in der Erdoğan-Türkei Pflicht für jeden Politiker. Yavaş Auftreten, Kleidung und sein glatt rasiertes Gesicht wirken wie die klassischen Erkennungszeichen eines klassischen Säkularen.

Der 65-jährige ist hartnäckig. Geboren in der Kleinstadt Beypazarı musste er zuerst in seiner Heimatstadt und später in Ankara mehrere Anläufe nehmen, bevor er sich bei Bürgermeisterwahlen durchsetzte. Dies führte in Ankara zum Bruch mit der MHP: Weil die Partei ihn nach einem verlorenen Wahlgang in der Hauptstadt nicht mehr aufstellte, ging er zur CHP. Er verlor erneut, setzte sich 2019 aber auch in der Hauptstadt durch: Damit regiert seit 25 Jahren erstmals wieder ein CHP-Mann die Stadt.

In Ankara hat Yavaş sich einen Namen gemacht, vor allem mit seinen Kampf um Spenden für Corona-Opfer. Wohl auch deshalb hat die Zentralregierung diese Maßnahmen brutal unterlaufen, weil das volksnahe Bürgermeisteramt in Metropolen ein Sprungbrett für die große Politik ist. Auch Erdoğan selbst hat sich seine Popularität in seiner Zeit in Istanbul erarbeitet. Yavaş gilt als exzellenter Verwalter, wurde 2001 als "bester Kommunalpolitiker des Landes" und 2004 als "bester Bürgermeister" ausgezeichnet.

Er ist aber nicht nur begabt, sondern auch ein Arbeitstier. Auf einer populären Internetseite heißt es: "Mansur ist einer, der sich seinen Aufgaben stellt. Er ist wie ein Krake, er greift bei jedem Problem zu. Und er ist von Kopf bis Fuß ein echter Atatürk-Anhänger." Jüngst hat Yavaş bedauert, so wenig Zeit mit seiner Frau und den zwei Töchtern verbracht zu haben. "Das bereue ich. Als ich das realisiert habe, waren die beiden Mädchen schon im heiratsfähigen Alter."

© SZ vom 04.08.2020

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