Süddeutsche Zeitung

Manfred Weber:Ohne ihn geht in Brüssel nicht viel

Er steht im engen Austausch mit Juncker und wird schon mal von Macron zum Vier-Augen-Gespräch empfangen: Manfred Weber könnte nächster Präsident der EU-Kommission werden. Doch erst einmal braucht er die Rückendeckung von CDU und CSU.

Noch denkt er nach, über sich und das, was alles kommen könnte. Noch wägt er ab, spricht mit Vertrauten, aber viel Zeit bleibt Manfred Weber nicht mehr. Wenn der CSU-Mann aus Wildenberg im Landkreis Kelheim als Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP) in die Europawahl ziehen will, muss er sich bald entscheiden. Spätestens bis Mitte Oktober, dann ist Bewerbungsschluss; aber so lange, das ist Weber bewusst, kann er nicht warten. In seiner Heimat Bayern ist dann Landtagswahl, und seine Parteifreunde dürften zu dieser Zeit ganz andere Sorgen haben als die Frage, ob einer von ihnen nach dem mächtigsten Amt greift, das die Europäische Union zu vergeben hat: Präsident der EU-Kommission.

Die Zeichen für Weber stehen nicht schlecht. Denn mit ziemlicher Sicherheit dürfte die EVP, zu der CDU und CSU gehören, bei der Europawahl im Mai 2019 wieder stärkste Kraft im EU-Parlament werden. Ihr Spitzenkandidat hat die Chance, Jean-Claude Juncker als Kommissionschef nachzufolgen. Gelingt das, würde Weber der erste Deutsche an der Spitze der europäischen Behörde seit Walter Hallstein in den 1960er-Jahren sein. Doch so weit ist es noch lange nicht. Erst einmal braucht Weber die Rückendeckung seitens der Union. Die Gremien von CDU und CSU beraten Anfang September über die Spitzenkandidatur. "Wenn der Manfred will, sehe ich eine breite Unterstützung", sagt einer, der dabei sein wird.

Die Frage, ob Weber wirklich will, ist die eine. Die andere ist, ob er es auch im Kreuz hat, einen Wahlkampf in ganz Europa zu führen und die Bürger davon zu überzeugen, den Christdemokraten ihre Stimme zu geben. Weber, 46 Jahre alt und Vize-Parteichef der CSU, mag in Deutschland nicht zu den bekanntesten Politikern zählen. Im Brüsseler Betrieb geht jedoch ohne den Niederbayern nicht viel, schon gar nicht im Parlament. Weber steht seit vier Jahren an der Spitze der EVP-Fraktion und bestimmt maßgeblich die Debatten und die Gesetzgebung. Er steht im engen Austausch mit Juncker und wird auch schon mal vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron zum Vier-Augen-Gespräch im Élysée-Palast empfangen. Mit der Kanzlerin ist er ohnehin in Kontakt; Angela Merkel soll seine unaufgeregte und verbindliche Art schätzen.

Wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, ist Weber der Kanzlerin nicht unähnlich. Kann sein, dass er sich mit der Frage der Spitzenkandidatur noch ein wenig Zeit lässt, vielleicht bis kurz vor dem CSU-Parteitag am 15. September. Schließlich könnte ein bayerischer Kandidat für Europas wichtigstes Amt nützlich sein für die bevorstehende Landtagswahl und bei Wählern Punkte bringen, die bei der CSU eine gewisse Weltoffenheit vermissen. Gern beschwört Weber deshalb den Strauß'schen Dreiklang: "Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft."

Nun muss ein Spitzenkandidat aber nicht nur zu Hause gut ankommen, sondern in möglichst allen EU-Staaten. Während es in Südeuropa im Nachgang der Euro-Krise noch immer Ressentiments gegen vieles gibt, das aus Deutschland kommt, dürfte Weber in Osteuropa durchaus freundlich empfangen werden. Wenn er etwa über die Grenzzaun-Politik des ungarischen Ministerpräsidenten spricht, fordert er "keine Kritik, sondern Respekt und Dank". Kein Wunder, gehört die Partei Viktor Orbáns doch zur EVP-Familie.

Wen Europas Christdemokraten zum Spitzenkandidaten küren, entscheidet sich beim Parteikongress am 7./8. November in Helsinki. Tritt Weber an, könnte er dort auf den Franzosen Michel Barnier als Gegenkandidaten treffen. Der Brexit-Chefverhandler ist ebenso im Gespräch wie der Ire Enda Kenny und der Finne Alexander Stubb. Für sie alle gilt: Wer Kommissionschef werden will, braucht 2019 die Mehrheit im EU-Parlament. Gut möglich, dass die EVP dort neue Verbündete suchen muss. Damit kennt sich Weber aus.

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SZ vom 25.08.2018/mkoh
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