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Profil:Macarena Santelices

(Foto: Karin Pozo/Aton Chile/imago)

Die Großnichte Pinochets ist die neue Frauenministerin Chiles.

Kaum hatte Macarena Santelices diese Woche ihr Amt angetreten, da sollte Chiles neue Ministerin für Frauen und Geschlechterfragen schon wieder gehen. Sie könnten es nicht erwarten, bis Santelices wieder rausgeworfen werde, sagten Frauenrechtsaktivistinnen. Feministische Organisationen nannten ihre Ernennung eine "Respektlosigkeit", und Chileninnen fluteten das Netz mit Fotos von sich und Protestplakaten gegen die neue Ministerin.

Dabei ist Macarena Santelices auf den ersten Blick keine schlechte Wahl: 42 Jahre alt ist sie, strahlend weißes Lächeln, stets akkurat sitzende Frisur. Früher war Santelices Nachrichtensprecherin, 2012 wechselte sie in die Politik. Sie wurde als Bürgermeisterin einer Gemeinde im Norden von Chiles Hauptstadt Santiago gewählt und vier Jahre später mit großem Vorsprung im Amt bestätigt. Gleichzeitig hat Santelices in dieser Zeit zwei Kinder bekommen. Eine junge, erfolgreiche Frau und Mutter als Ministerin - wo ist da das Problem?

Für viele Chilenen und vor allem Chileninnen fängt dieses schon bei der Herkunft an. Denn nicht nur war Santelices' Vater Lokalpolitiker unter der Diktatur, die Chile von 1973 bis 1990 beherrschte - sondern ihr Großonkel war auch noch der Diktator höchstpersönlich. General Augusto Pinochet errichtete in Chile ein repressives System aus neoliberaler Wirtschaftspolitik und gezieltem staatlichen Terror. Mindestens 3000 Menschen starben, Zehntausende wurden systematisch gefoltert, vor allem bei weiblichen Gefangenen auch mit sexueller Gewalt. Selbst Schwangere wurden vergewaltigt, teilweise wurden dabei sogar Tiere verwendet.

Santelices kann für all das natürlich nichts, niemand ist für die Taten seiner Vorfahren verantwortlich. Allerdings, und das ist das wahre Problem, hat sich Chiles neue Frauenministerin nie von ihrem Großonkel und der Diktatur distanziert. Im Gegenteil: 2016 ließ sie sich von einer Zeitschrift mit dem Satz zitieren, dass man die guten Dinge unter dem Militärregime nicht vergessen dürfe.

Tatsächlich ist solche Geschichtsklitterung vor allem in konservativen Kreisen Chiles noch weit verbreitet. Santelices' Partei, die rechtskonservative Unión Demócrata Independiente, wurde 1983 nicht nur mit dem Segen der Diktatur gegründet, sondern auch zu deren Unterstützung. Auch hier hat man sich von Pinochet nie distanziert, dennoch ist die UDI heute Teil der Regierungskoalition unter Sebastián Piñera.

Als im Oktober Massenproteste gegen die Ungleichheit und das Erbe des Militärregimes ausbrachen, reagierte der Präsident mit einer Ausgangssperre. Auf Plünderungen und Brandstiftungen antworteten die Sicherheitskräfte mit teils brutaler Gewalt. Mit Gummikugeln schossen Polizisten gezielt auf die Augen von Menschen, mehr als tausend Klagen hat das Nationale Institut für Menschenrechte aufgenommen, darunter wegen sexueller Gewalt durch Beamte. Chiles damalige Frauenministerin hatte sich zu alldem so gut wie nicht geäußert. Nach massiven Protesten räumte sie im März den Posten.

Nun rückt also Santelices nach, und viele Chileninnen glauben, dass damit alles nur noch schlimmer geworden ist. Der neuen Ministerin fehle es an jeder praktischen Erfahrung auf dem Feld, sagen Kritiker. Und weil das Internet so gut wie nie vergisst, kommen immer mehr kritische Zitate Santelices' ans Licht, gegen Ausländer, für härtere Strafen bei Widerstand gegen die Staatsgewalt, oder auch jener Beitrag auf Twitter, in dem Santelices den Kampf für Menschenrechte abwertend als "Zirkus" bezeichnete.

Die neue Ministerin versucht, die Kritik so gut es geht wegzulächeln. Man solle sie doch bitte an ihrer Arbeit messen, nicht an ihrer Vergangenheit. Tatsächlich gäbe es viel zu tun: Seit Beginn der wegen Covid-19 verhängten Quarantäne ist die Gewalt gegen Frauen in Chile sprunghaft angestiegen.

© SZ vom 09.05.2020

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